Gymnasium Am Löhrtor
 St. Petersburg

Schüleraustausch nach St. Petersburg 2003 von Johanna Kammler

 

Am 12. Oktober machten sich 17 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 20 Jahren unter der Leitung von Frau Zwirnlein, der Mutter eines Schülers, und dem Musik-, Kunst- und Französischlehrer Herrn Gerhardt auf den Weg in die russische Metropole St. Petersburg. Die Schüler nahmen an einem Schüleraustausch teil, der schon seit Jahren zwischen dem Städtischen Gymnasium Am Löhrtor und der Schule Nr. 278 in der ehemaligen Zarenstadt stattfindet.

Zu Beginn der Reise waren alle noch ein wenig misstrauisch. Wir hatten schon viel über die Stadt an der Newa gehört (auch nicht nur gute Dinge) und waren gespannt auf unsere Austauschschüler, von denen wir noch nicht einmal wussten, ob sie männlich oder weiblich sein würden. Doch schon bald nach der Ankunft am Flughafen zerstreuten sich unsere Bedenken. Die russischen Jugendlichen standen mit ihren Familien schon zum Abholen bereit. Und dann ging alles sehr schnell. Es wurden sich noch letzte verzweifelte Blicke zugeworfen und bevor man sich versah, war man schon auf dem Weg zu seinem Zuhause für die nächsten zehn Tage, manche mit dem Auto, die meisten allerdings mit übervollen Sammeltaxis. Die Unterkünfte, die uns dann nach der Fahrt erwarteten, hätten unterschiedlicher nicht sein können. Von kombinierten Wohn-/Schlafzimmern, in der die ganze Familie samt deutschem Gast nächtigte bis zum Einzelzimmer mit Fernseher war alles vorhanden. Doch die freundlichen Menschen und die berühmte russische Gastfreundschaft machten auch das ärmlichste Quartier wieder wett. Hinzu kam, dass die dreizehn- bis vierzehnjährigen russischen Schüler sehr gut Deutsch sprachen, da in ihrer Schule erweiterter Deutschunterricht ab der ersten Klasse erteilt wird. Am Abend bekamen viele Schüler bei einer privaten Führung schon einen ersten Eindruck von St. Petersburg, und schon am nächsten Morgen begann das offizielle Programm mit einer Stadtrundfahrt, geführt von einer russischen Deutschlehrerin. Viele der Bauwerke und Sehenswürdigkeiten sollten wir nicht zum letzten Mal sehen. Jeden Tag stand nun eine Besichtigung an. So besuchten wir zum Beispiel die weltberühmte Eremitage, nach dem Louvre in Paris und dem British Museum in London das drittgrößte Museum der Welt, die Zarenresidenz in Pawlowsk und das Städtchen Nowgorod (übersetzt „Neustadt“), das seinem Namen zum Trotz eine der ersten von Menschen besiedelten Orte Russlands war. Und noch etwas war, für die Anwohner ganz normal und zweckmäßig, für die Deutschen jeden Tag ein neues Erlebnis: die Fahrten mit der Metro, der Petersburger U-Bahn. Mit scheinbar unendlichen Rolltreppen wird man bis zu hundert Metern tief unter die Erde befördert. Dort beginnt der Kampf um den Platz in den Wagen, die nicht nur zu den Stoßzeiten völlig überfüllt sind. So wurde unsere Gruppe von knapp zwanzig Menschen nicht nur einmal getrennt. Türen schlossen sich zu früh und klemmten Schüler ein oder schlossen sie aus, so dass man schnell die freundliche Stimme zu schätzen lernte, die vor den tückischen Türen warnte. Dafür konnte man aber während der Wartezeiten die manchmal wunderbare Ausstattung der Stationen bewundern, die bei dieser Gelegenheit auch von einer russischen Schülerin mit einem überraschten Aufschrei zum ersten Mal bemerkt wurde.

Auch nahmen wir jeden Tag am Unterricht teil. Während die Stunden in Literatur und technischem Zeichnen eher langweilig waren, entpuppten sich die Deutschstunden als äußerst amüsant und interessant. Wir erzählten über unsere Stadt und über Deutschland, brauchten einige Minuten, um der Lehrerin zu erklären, dass es nicht „sie kann ihr nicht vorstellen fortzuziehen“ heißt und sangen  „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, was sich für die Deutschen inklusive Musiklehrer etwas peinlich gestaltete, da die Russen den Text doch etwas besser kannten als wir...

Doch auch in der Zeit, die in den Familien verbracht wurde, kam keine Langeweile auf. Man ging mit anderen Austauschschülern in einen Freizeitpark, besuchte eine Balletaufführung des weltberühmten Marinskijtheaters oder ging in den Zirkus. Es war geradezu rührend, wie man umsorgt wurde. Das beste Essen wurde gekocht (jedenfalls das, was die Gastgeber dafür hielten), manchmal hatten wir sogar ein schlechtes Gewissen, da nicht alle Familien finanziell gut gestellt waren. So verzichten die meisten Familien dort auf Obst, da dieses als unnötiger Luxus angesehen wird. Umso größer war die Freude der Kinder, wenn der „reiche“ Gast die für unsere Verhältnisse billigen Bananen mitbrachte. Doch das hinderte die fürsorglichen Mütter nicht daran, riesige Lunchpakete herzustellen, die unmöglich von einem Menschen alleine hätten verzehrt werden können. So versuchten wir das Beste daraus zu machen und verschenkten die „Lynchpakete“ an die zahlreichen Bedürftigen, da es als Beleidigung empfunden wurde, das Essen wieder mit nach Hause zu bringen.

So vergingen die zehn Tage sehr schnell, und nach einer Abschiedsfeier in der Schule ging es früh am nächsten Morgen zum Flughafen. Trotz aller guten Erfahrungen war es schön, wieder nach Hause zu kommen. Fast alle waren in der Hoffnung gekommen, das zum dreihundertjährigen Stadtjubiläum fertiggestellte Bernsteinzimmer zu sehen, aber am Ende war es gar nicht schlimm, dass diese Besichtigung für die meisten nicht im Programm stand, denn wir hatten so viele schöne Dinge erlebt, dass wir uns auf den Gegenbesuch der Russen im nächsten Jahr und vielleicht auch auf eine erneute Fahrt nach St. Petersburg freuen.


 
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