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¡Bienvenidos a México! 

Me llamo Lukas y ahora soy medio mexicano. Ja, während meinen leider doch so schnell vergangenen sechs Wochen in Mexiko bin ich zumindest emotional zu einem halben Mexikaner geworden. Ich habe in diesem Jahr mein Abitur am Gymnasium Am Löhrtor absolviert und einen mehrwöchigen Familienaustausch in Mexiko verbracht.

Die Organisation lag in den Händen eines der beiden Siegener Rotary-Clubs. Man bewirbt sich initiativ und bekommt mit etwas Glück und Formulierungsvermögen in der Bewerbung die Zusage, ein anderes Land dieser Welt zu besuchen. Zuvor gibt man Präferenzen hinsichtlich dieser ab. Das Austauschprogramm variiert jedoch abhängig von der Organisation.
Mit meinem Austausch habe ich nicht nur die Zeit bis zum Beginn meines Studiums sinnvoll überbrücken können, sondern auch einen Koffer voller Abenteuer und Erfahrungen mitgebracht. Bei meiner Gastfamilie habe ich ein zweites Zuhause gefunden und vor Allem viele neue Freunde. Aber fangen wir mal von vorne an...

Einige von euch Lesern haben meinen Austauschpartner hier in Deutschland sicherlich kennengelernt. Nicht umsonst sind Mexikaner dafür bekannt, sehr gesellig und extrovertiert zu sein. Alberto kam kurz vor meinem Abitur in Deutschland an und hat sich gut in meine Familie integrieren können - die Chemie stimmte. Als Gastfamilie muss man dazu natürlich auch bereit sein, weshalb man sich der damit zusammenhängenden Verantwortlichkeiten unbedingt bewusst sein muss. Je nach Nationalität des Austauschpartners muss man sich nämlich mehr oder weniger an ihre Sitten und Bräuche anpassen. Unabhängig davon kommt mit einem Austauschschüler Bewegung in die Familie. Flexibilität und die Bereitschaft zu Neuem dürfen also nicht fehlen. Auf der anderen Seite gehört auch ein bisschen Abenteuerlust dazu. Vielleicht sollte man vorher auch einmal darüber nachdenken, wie sehr man zu Heimweh tendiert :)

Da mein Austauschpartner erst zu mir kam, konnte ich schon mal mexikanische Vitalität kennenlernen und kam in keine mir völlig fremde Gastfamilie. Während Albertos Zeit hier in Deutschland haben wir meist etwas in der Familie unternommen - Ausflüge in die Metropolen Deutschlands sowie ins Tannheimer Tal inklusive. Mit der Zeit wurde Alberto zu einem immer wichtigeren Teil unserer Familie. Daher war der Abschied nach den 6 Wochen schwer. Ursprünglich sah der Plan vor, zusammen nach Mexiko zu fliegen, was aber dann leider doch nicht möglich war. Also ging es einen Tag nach Alberto auch für mich über den großen Teich nach Mexiko. Zwischenlanden musste ich in Houston. Für den langen Flug wurde ich mit einem unvergesslichen Panorama über Grönland entschädigt - das fing ja schon mal super an!

In Mexiko angekommen hat mich dann meine Gastfamilie begrüßt und wir sind nach Hause gefahren. Das erste, was mich sehr irritiert hat, war ein Fahrrad, das uns entgegengesetzt auf einer autobahnähnlichen Straße begegnete. Das charakterisiert eindeutig das mexikanische Verhältnis zu Regeln und Normen :D
Zuhause angekommen wurde ich mit Tacos und Churro, einem Gebäck aus frittiertem Hefeteig, begrüßt. Bis auf die Tacos wurde das in Deutschland so stark verbreitete Stereotyp vom Mexikaner mit Schnurrbart, Sombrero und Tequila gar nicht wirklich bestätigt. Aber genau dafür, falsche Vorstellungen anderer Länder aus der Welt zu schaffen und interkulturelle Kompetenz zu fördern, dient ja der Austausch. Vom ersten Tag an habe ich mich mit meiner Gastfamilie sehr gut verstanden und wurde zu einem wahren Mitglied der Familie. Ich habe wirklich so viele Abenteuer erlebt und Erfahrungen gesammelt, dass ich mich hier auf die besten beschränken muss.

Im Nachhinein muss ich wirklich sagen, dass sich meine Gastfamilie sehr darum bemüht hat, mir viele Facetten von Mexiko zu präsentieren, doch am Tage meiner Abreise sagte mir meine Gastmutter im Auto ,,Solo has visto muy pocito de México", also dass ich nur sehr wenig von Mexiko gesehen habe. Dieses Land ist einfach so riesig, dass man es im Rahmen eines Austausches gar nicht gänzlich erkunden kann... Aber es liegt ja noch viel Zeit vor mir :)

Am ersten Wochenende sind wir nach Puerto Vallarta, einem sehr populären Ferienort an der Pazifikküste, gefahren. Unser Hotel war mit einem eigenen Erlebnisbad ausgestattet. An den Hotelwänden zischten ab und zu mal Gekos hoch und bei fast 40 C° hat die Klimaanlage im Zimmer zum Glück fehlerfrei funktioniert. Am letzten Tag sind wir mit einem Touriboot an der Küste vorbei zu einem abgelegenen Strand geschippert. Doch einen kleinen Zwischenstopp haben wir uns bei drei kleinen Inseln gemacht, die nicht bewohnt sind. Nachdem wir uns mit Taucherbrille und Schnorchel ausgestattet hatten, ging es über eine Treppe ins kristallklare Wasser, um zu schnorcheln. Man taucht wahrhaftig in eine farbenfrohe Welt ein und darf sich dem Anblick buntester Fische erfreuen. Leider ist mir keine Schildkröte begegnet und Nemo konnte ich auch nicht mal "Hallo" sagen. Dafür konnte ich eine Wasserschlange in ihrem Unterschlupf beobachten.
Wieder an Bord ging es dann zum Strand. Die Sonne war so stark, dass ich nur mit T-Shirt schwimmen konnte, weil Brathähnchen ja bekanntlich nicht schwimmen können :) Leider ging die Zeit viel zu schnell vorbei und wir mussten wieder zurück. Auf dem Rückweg gab es dann überraschenderweise einen Wettbewerb auf dem schwankenden Boot, wer unter den Insassen der größte Macho sei. Leider zeigte meine Gastschwester wild und demonstrativ auf mich, sodass ich wider Willens ausgewählt wurde. Dann ging es los. Wir mussten auf einem Besen durchs schwankende Boot tanzen und danach wie ein Macho einen Tequila bestellen. Das bedeutet die Tür auftreten, die Finger als Pistole zücken und brüllen: "Un Tequila o te mueres" -> "ein Tequila oder dein Leben". Ich kann wirklich nicht erklären, woher meine Macho-Gene kommen, aber ich verließ als der deutsche Supermacho das Boot und gewann einen Eintritt in die beste Diskothek der Stadt. Da wir aber am selben Tag noch nach Hause zurückfuhren, konnte ich diese Gelegenheit leider nicht mehr ausnutzen. Aber alleine die Fahrt durch das mexikanische Hinterland war atemberaubend!
Meine Tage in Puerto Vallarta werde ich nie vergessen!

Wofür ist Mexiko sonst noch bekannt? Richtig, Tequila! Ich lebte in Guadalajara in Jalisco, dem Tequila-Bundesstaat Mexikos. Eine Stunde Autofahrt entfernt befindet sich das Dorf ,,Tequila". Dort wurde diese Spirituose geboren. Der Besuch einer Tequilafabrik war wirklich sehr interessant, Proben von Tequila verschiedener Reifestufen inklusive. Tequila wird aus einer kakteenähnlichen Pflanze hergestellt, die Agave heißt. Besonders lecker ist auch kandierte Agave oder zubereitete Kaktee.
Das Dorf "Tequila" machte auf mich einen magischen Eindruck, weil die Zeit dort scheinbar stehen geblieben ist. Natürlich habe ich mir dort auch ein Andenken gekauft, und zwar ein kleines Tequila-Fass, das ich in meiner Studentenwohnung aufstellen werde, um ein kleines Stück Mexiko auch hier in Deutschland zu haben.

Wovon ich hier noch schreiben möchte, ist mein Ausflug in die Hauptstadt Mexikos, mit 24 Millionen Einwohnern die größte Stadt, die ich in meinem Leben bisher gesehen habe. Um vom Zentrum aus der Stadt herauszufahren, braucht man bei mäßigem Verkehr zwei bis drei Stunden. Ich hoffe, dass das dabei hilft, sich die Dimension dieser Metropole vorzustellen. Mexiko-Stadt hat eindeutig einen europäischen Touch. Man investiert sehr viel Geld, um die Stadt sauber zu halten, was man wirklich sieht. Die Stadt wurde um einen Wald herum gebaut, in welchem sich das Schloss befindet, in dem zunächst die Kolonialherren und später die Präsidenten residierten. Von diesem Schloss aus kann man eine unglaubliche Aussicht auf die Skyline der zweitgrößten Stadt der Welt genießen und mal wirklich kosmopolitische Luft schnuppern.

Aber mehr will ich hier gar nicht verraten, sonst hättest Du/hätten Sie ja dort gar nichts neues zu entdecken. Wofür ich Deinen/Ihren Appetit aber noch anregen möchte, ist das mexikanische Essen. Ab und zu isst man zwar wirklich scharf, aber die mexikanische Kulinarik ist dank der verschiedenen Einflüsse im Laufe der Geschichte genau so facettenreich wie Mexiko selber. Zum Glück hat man das Gewicht meines Handgepäcks bei meinem Rückflug nicht kontrolliert, weil es voller mexikanischer Süßigkeiten war. Zum Glück ist ja das eigene Körpergewicht nicht von irgendwelchen Regelungen betroffen, sodass man ohne Angst vor Übergepäck die mexikanische Küche in vollen Zügen genießen kann :)
Was ist sonst noch bei egal welchem Austausch wichtig finde, ist dass man weiß, dass man als Austauschschüler nicht nur reist, um ein anderes Land sowie seine Kultur kennenzulernen, sondern auch selber als Botschafter auftritt. Oft ist man einer von wenigen Deutschen, dem die Menschen im anderen Land begegnet sind. Daher nehmen sie Dich auch, um sich ein Bild von Deutschland zu machen. Es wäre ja wirklich schade, wenn dieses negativ ausfiele.
Ansonsten ist mir aufgefallen, dass es ein unbeschreibliches Gefühl ist, flüssig in einer anderen Sprache zu kommunizieren, vielleicht macht es sogar süchtig. Es spornt aber auf alle Fälle an und beweist, dass der Vokabelteil in den Schulbüchern gar nicht so schlimm ist, sondern das Sprungbrett dafür ist, neuen Menschen und anderen Weltansichten mit sprachlichem Verständnis zu begegnen. Dann dauert es auch nicht lange, in spanisch zu träumen. Denn Träume müssen nicht immer Träume bleiben und mit meinem Aufenthalt in Mexiko wurde für mich ein großer Traum wahr.