Drucken

Woher stammen deine Informationen? Dies ist eine Frage, die im Unterricht häufig von Lehrern gestellt wird. Die Antwort verweist meist auf ein mit W beginnendes Internetnachschlagewerk. Doch wie verlässlich sind die dort auffindbaren Daten? Selbst einer der Mitbegründer der besagten online „Enzyklopädie“, Larry Sanger, übte vor kurzem harsche Kritik an der zunehmenden Einseitigkeit seiner Schöpfung.

Eigentlich hatte der Grundkurs Geschichte von Herrn Roth das Zoom Gespräch mit Prof. Peter Hoeres von der Universität Würzburg zum Thema Erster Weltkrieg vereinbart. Da Hoeres allerdings auch ein Buch und mehrere Aufsätze zu dem Dauerbrennerthema Informationsbeschaffung und Wikipedia verfasst hat, befragte der Kurs ihn auch dazu. Sein Hinweis: Nutzt Wikipedia, aber nur als erste Anlaufstation.

Im Hauptteil des Gespräches ging es dann um das Kaiserreich, die Kriegsschuldfrage und auch um ein im Kurs behandeltes Spezialthema, die Diskussion um die Frage, wieso beim deutschen Vormarsch in Belgien 1914 mehrere tausend Zivilisten umkamen. Hoeres erläuterte uns, dass das Kaiserreich heute in der Geschichtsschreibung keinesfalls mehr nur als militaristischer Obrigkeitsstaat abgetan werde. Er verwies dabei zum Beispiel auf das moderne Wahlrecht, dass es in Deutschland damals mehr Menschen erlaubte, an Wahlen teilzunehmen als in Großbritannien. Deutschland war schon zu Kaisers Zeiten ein Ort, der Studenten und Wissenschaftler aus aller Welt anzog. Bezogen auf die Frage, wer die Verantwortung am Ausbruch des Ersten Weltkriegs trage, hob Hoeres hervor, dass sich in der Forschung die Position durchgesetzt habe, dass es keinen Einzelstaat gebe, dem man den schwarzen Peter zuschieben könne. Auf unsere Fragen die Ereignisse in Belgien bezogen brachte Hoeres zum Ausdruck, dass die deutschen Truppen in Belgien hart vorgegangen seien, aber in der Regel nach dem seinerzeit geltenden Kriegsrecht. Wir hatten uns im Unterricht zu dieser Thematik mit sehr unterschiedlichen Standpunkten befasst. Die Historiker sind bis heute zu keiner Einigung gekommen. Aber solange die Diskussion historischer Fragen, so Hoeres, von Argumenten und nicht von Aktivismus geprägt sei, belebe sie die Forschung.

Hoeres empfahl uns, sich intensiv mit Primärquellen zu befassen, um zu versuchen, die Menschen der Vergangenheit aus ihrer Zeit heraus zu verstehen und darüber zu reflektieren, ohne zu sehr vom Standpunkt der Gegenwart her zu urteilen. Auf das 19. Jahrhundert bezogen gebe es eine riesige Zahl an auswertbaren Zeitungen und Zeitschriften, aber auch sollte Bild- und Tonmaterial herangezogen werden. Hoeres‘ neuestes Buch ist übrigens eine Geschichte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Schließlich kamen wir noch auf das aktuelle Thema des Krieges in der Ukraine zu sprechen. Hoeres hatte darüber vor wenigen Tagen in der FAZ geschrieben, und davor gewarnt, alle Russen und alles Russische zu verteufeln. Irgendwann müsse Frieden geschlossen werden. Im Ersten Weltkrieg habe die Propaganda den jeweiligen Gegner so stark entmenschlicht, dass viele Ressentiments und Vorurteile den Krieg überdauerten und einen wirklichen Verständigungsfrieden erschwerten. „Putin ist kein Hitler“, so Hoeres.

Das dreiviertelstündige Gespräch beendete Hoeres mit der Frage, ob die Schüler denn mit ihrem Lehrer zufrieden seien. Die Antwort dazu ist irgendwie verlorengegangen ….