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Vor einiger Zeit geschah am Löhrtor-Gymnasium etwas Selt­sames. In der Schule war ein beson­derer Fund in einer Vitrine ausgestellt: ein Löwenkopf­skelett. Dabei handelte es sich um einen Fund, den unsere Lehrerin, Frau Stiefel, die als Archäologin in Afrika gearbeitet hatte, der Schule gespendet hatte.

Übrigens, ich heiße Tim und bin ein Schüler auf dem Löhrtor.

Immer dienstagmorgens, wenn alle Schüler in die Schule kamen, war das Skelett weg, aber mittwochmorgens stand es plötzlich wieder an Ort und Stelle. Ich hatte da schon so einen Verdacht, wer das immer wieder gewesen sein könnte. Wahrscheinlich entwendete die Archäologin das Skelett selbst, weil sie vielleicht den Fund zurückhaben und wieder nach Afrika gehen wollte. Immer wieder wurde dienstags der Feueralarmknopf am Chemieraum gedrückt. Höchstwahrscheinlich löste Frau Stiefel jedes Mal den Feueralarm aus.

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Um meinen Verdacht bestätigen zu können, musste ich erst einmal nähere Informationen über Frau Stiefel besorgen. Als ich am Nachmittag mit meiner Familie zusammensaß und ihr dies erzählte, waren alle völlig erschrocken. Mama sagte: „Ich hatte doch so nett mit ihr beim Elternsprechtag gesprochen und nur Gutes hat sie über dich erzählt.“ Von ihrer „Reise“ nach Afrika hat sie auch berichtet.

„Das mag ja sein, dass sie zu dir nett war. Das machen ja alle Lehrer so. Immer nur, damit die Eltern einen vernünftigen Eindruck von den Lehrern bekommen“, sagte ich nun ziemlich aufgebracht.

„So Tim!!!. Jetzt reicht’s!“ rief Mama verärgert. Ich nahm meine Stimme nun etwas herunter. „Vielleicht hat sie ja magische Kräfte und kann so das Löwenkopfskelett immer wieder in ihren Besitz bringen“, sagte ich nun mit ruhigerer Stimme. „ Wie kommst du denn auf so einen Quatsch“, mischte sich jetzt auch mein Papa ein. Ohne noch ein Wort zu sagen, bin ich einfach in mein Zimmer gegangen und habe mich eingeschlossen, damit ich in Ruhe nachdenken und meine Eltern mich nicht stören konnten. Zu erst rief ich meinen Freund Kim an. Später trafen wir uns in seiner Gartenhütte. Sie war voller Gerümpel. Also räumten wir erst einmal auf.

Als wir dann endlich zwei Stühle und einen klapperigen Tisch hervorgeholt hatten, erzählte ich Kim zunächst einmal die ganze Geschichte. Kim stimmte mir zu, denn Frau Stiefel verhielt sich im Unterricht schon sehr komisch. Jede Stunde war sie verwirrt, unkonzentriert und ging oft ins Lehrerzimmer, weil sie wohl etwas vergessen hatte.

Plötzlich raschelte es in Kim’s Garten. Kim fragte mich im Flüsterton: „Steht Frau Stiefel hinter der Tür?“ Ich zuckte nur mit den Schultern und fragte mich: „Hat Frau Stiefel etwa tatsächlich Zauberkräfte?“

Auf einmal guckte Frau Stiefel durch die Tür und lächelte uns nur an. „Ob sie wegen der Schule hier war? Ich war mir keiner Schuld bewusst. Warum war sie nur gekommen?“, dachte ich.

Als wir uns einigermaßen damit abgefunden hatten, dass Frau Stiefel vor uns stand, sagte sie: „Ich wollte euch nur fragen, ob ihr an der Sportolympiade in Düsseldorf teilnehmen wollt.“

Wir waren sehr erstaunt, dass Frau Stiefel uns nur fragen wollte, ob wir bei der Sportolympiade mitmachen wollen. „War es jetzt Zufall oder gezielt von Frau Stiefel geplant?“, fragten wir uns. Kim und ich waren einverstanden und erwiderten wie aus einem Munde: „Warum eigentlich nicht!“ Frau Stiefel lächelte, sah dann aber sehr ernst aus. Ich dachte bei mir: „Hoffentlich meint sie es nicht zu ernst.“ Sie sagte auch nur noch: „Tschüss!“ „Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es ist schon komisch, dass sie gerade vor der Tür stand und uns so böse angeguckt hat“, sagte ich kurz darauf. Kim fiel plötzlich ein: „Wir brauchen doch Beweise.“ „Das habe ich ganz vergessen. Am besten wir treffen uns immer nach dem Mittagessen hier in deiner Gartenhütte und sammeln erst einmal Beweise“, sagte ich darauf. Kim erwiderte dann: „Ok, morgen um 14.30 Uhr hier.“ „ Ja, dann tschüss!“

 

alexandra3Am nächsten Morgen musste ich mich beeilen, um in die Schule zu kommen, denn ich hatte verschlafen. Als ich in der Schule angekommen war, warf ich noch schnell einen Blick auf den Vertretungsplan und bemerkte, dass wir statt Frau Stiefel heute einen gewissen Herrn Jäger in Sport hatten. Es war mir klar, dass Frau Stiefel irgendetwas aushecken würde. Als sich alle aus meiner Klasse vor der Sporthalle aufhielten, kam ein relativ kräftiger Mann auf uns zu. „Hartes Training ist wohl bei ihm Pflicht“, dachten Kim und ich. Ich sprach mich kurz mit meinem Freund ab, um Frau Stiefel nun endlich zu erwischen.


alexandra2Kim täuschte vor, dass ihm schlecht wurde. Herr Jäger akzeptierte dies, und wir machten uns auf den Weg Richtung Chemieraum. Vorher schauten wir noch einmal auf unsere Schuluhr, die 8.00 Uhr anzeigte. Als wir bei den Aquarien angelangt waren, versteckten wir uns dort hinter einer Flurtür. Tatsächlich kam Frau Stiefel aus dem Biologieraum herausgelaufen und hatte einen Schlüssel in der Hand, den sie sich möglicherweise im Biologieraum besorgt hatte.


alexandra4Kurz darauf schloss sie die Vitrine auf, nahm das Löwenkopfskelett heraus und ging Richtung Chemieraum. Wir verfolgten sie so unauffällig wie möglich. Als Frau Stiefel sich nun zur Aula begab, traute ich mich und rief ihr zu: „Was machen sie denn da?“ „Ich? Hm?“, stammelte Frau Stiefel. Kim sagte: „Haben sie etwa das Löwenkopfskelett aus der Vitrine genommen?“ „Ich wollte doch nur zurück nach Afrika und meinen besonderen Fund wieder mitnehmen. Mir fiel es schwer, diese Schule zu verlassen und euch sagen zu müssen, dass ich gehen möchte“, antwortete Frau Stiefel und fing an zu weinen. Kim und ich waren ratlos und wussten nicht, was wir jetzt sagen sollten. Nun riet ich Frau Stiefel, endlich ihren ganzen Mut zusammenzunehmen und unserer Klasse und der ganzen Schule endlich die Wahrheit zu sagen, denn schließlich nennt sich unsere Schule „Schule mit Courage“.alexandra1

Frau Stiefel war beeindruckt von unserem Vorschlag und ging mit uns zur Sporthalle. Dort gab sie zu, dass sie für das Auslösen des Feueralarms verantwortlich war, und erklärte, was der Grund dafür war. Danach ging sie zum Direktor und informierte die ganze Schule über die Sprechanlage. Niemand nahm ihr die Sache übel, denn sie war bei den Schülern sehr beliebt.

Am nächsten Morgen kam Frau Stiefel traurig aber mit Vorfreude auf Afrika in unsere Schule. Unsere Klasse und Herr Jäger hatten noch am vorherigen Tag eine Abschiedsfeier für Frau Stiefel organisiert. Eltern hatten Kuchen gebacken und Herr Jäger hatte die Getränke besorgt. Die Feier klang mit einem schönen Grillnachmittag aus.