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„Nina, du musst aufstehen!“

Nina Mertens schlug die Augen auf und stöhnte. Die Leuchtziffern ihres Weckers zeigten gerade erst sechs Uhr! Sie drehte sich entschlossen wieder um, um noch einmal kurz die Augen zu schließen…

„Nina, verdammt es ist halb sieben!“, riss sie eine Stimme aus dem Schlaf. „In fünfzehn Minuten kommt dein Bus!“. Frau Mertens nahm ihrer Tochter die Decke weg und Nina schoss ins Badezimmer.

Fünfzehneinhalb Minuten später stand sie keuchend neben ihren Freundinnen Steffanie Utsch und Jennifer Jung im Schulbus. Steff und Jenni grinsten sie wissend an. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass Nina zu spät kam. Genau genommen - jeden Tag. Und mal wieder hatte keine von ihnen einen Sitzplatz bekommen, was Nina sehr ärgerlich fand, weil sie total übermüdet war. Kein Wunder, wenn man sich die ganze Nacht nicht von seinem Lieblingsbuch trennen kann…

Jedes der fünf Mädchen hatte ihre Eigenschaften: Nina war eine große Leseratte, Steff vergaß regelmäßig die Hausaufgaben und Jenni ritt für ihr Leben gern ihr eigenes Pony „Dacota Dance“. Die drei waren die besten Freundinnen zusammen mit der dickköpfigen Amy und der vernünftigen Josephine Winter, den Zwillingen aus der Parallelklasse.

„Habt ihr noch einmal etwas von dem Dieb gehört?“, fragte Nina, noch immer keuchend.

„Leider ja. Ich habe gestern Abend noch einmal kurz mit Josy telefoniert - wegen der Hausaufgaben“, sagte Steff. Jetzt war sie es, die ein Grinsen erntete. Das war typisch Steff. Jenni ersparte sich einen Kommentar, weil sie gerade ihre ganze Kraft brauchte, um nicht aus der Kurve zu fliegen, denn der Busfahrer gab richtig Gas. „Bei ihnen sind zwanzig Euro verschwunden.“

Das war mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr. Seit zwei Wochen verschwanden regelmäßig Wertsachen oder Portemonnaies aus der Oberstufe. Allerdings nur in den Pausen. Das war jedoch das Problem, denn wer in den Pausen in den oberen Etagen erwischt wurde, konnte mit riesigem Ärger rechnen. Deswegen traute sich auch keiner nachzuforschen. In diesem Moment gingen die Türen des Busses auf und die drei Mädchen wurden mit hinaus geschoben. Am Busbahnhof trafen sie Amy und Josy (Josephine) in identischen Sweatshirt-Jacken, schließlich war es ein wunderschöner warmer Junimorgen.

Auf den ersten Blick konnten sie nicht einmal die Freunde auseinander halten. Aber auf den zweiten. Denn Amy schob ihre Haare hinter das rechte Ohr und ein kleiner Ohrstecker wurde sichtbar. Josy trug den zweiten davon, allerdings am linken Ohr! Doch die beiden trugen ihre Haare meistens offen und so konnte man sie nie auseinander halten.

„Nina-Marie-Sofie Mertens! Hast du wieder zu viel gelesen?“, begrüßte Josy Nina mit gespielter Strenge. Nina gähnte herzhaft, sie konnte ihren eigentlichen Namen nicht leiden.

„Dafür weiß ich jetzt wie die Geschichte ausgeht!“, verteidigte sie sich.

„Mensch Nina, du hast das Buch doch schon fünf mal gelesen!“, warf Amy ein.

„Na und? Die Geschichte ist halt immer wieder spannend!“, meinte Nina lahm und gähnte. Zusammen gingen sie zur Schule. In der zweiten Etage trennten sich Josy und Amy von Steff, Jenni und Nina.

„Viel Spaß bei Französisch mit Herrn Meier!“, grinste Steff zum Abschied. Herr Meier war der Französisch-Praktikant, der den Schülerinnen und Schülern immer ziemlich viel abverlangte.

„Kümmert euch lieber darum, dass ihr pünktlich um halb zehn am Rondell seid!“, lenkte Amy grinsend ab, schließlich war es Nina, die ständig zu spät kam. Nina gähnte zum Abschied.

maren1Der warme Juniwind erfasste Ninas Haar und wirbelte es hoch, als sie zusammen mit Steff und Jenni zum Rondell in der Mitte des Schulhofs ging. Dort warteten schon Amy und Josy.

„Am liebsten würde ich jetzt rein gehen und mir den Dieb schnappen!“, begrüßte Amy die anderen und sah sehnsüchtig zum Haupteingang.

„Kommt gar nicht in Frage!“, bestimmte Josy sofort. „Nachher finden wir dich im Büro des Chefs wieder!“ Amy runzelte verärgert die Stirn und verschränkte bockig die Arme vor der Brust.

„Keine Widerrede!“, würgte Josy Amys Einwände ab, „Schaut mal hier: Die Liste mit den Diebstählen ist richtig lang geworden!“.

Die fünf Mädchen rückten zusammen und beugten sich über das Blatt, das Josy aus ihrer Hosentasche geangelt hatte. „Das sind ja 122 Diebstähle!“, staunte Steff.

„Das sind für zwei Wochen mit je fünf Schultage und zwei Pausen am Tag rund 12,2 Diebstähle pro Pause!“, rechnete Josy. Steff sah sie genervt an, das war typisch Klassenbeste!

Zur gleichen Zeit verließ eine dünne Gestalt mit Kapuze die Klasse 6c und ging über den Gang zur Klasse 6b weiter. Die Gestalt durchwühlte die nächst besten Taschen. Plötzlich tauchte im Eingang der Schuldirektor auf. „Sebastian!“, begrüßte der Direktor ihn erstaunt, „Was machst du denn hier?“
„Ähm…ich… Mir ist das offene Fenster aufgefallen!“, sagte Sebastian schnell.
„Na gut. Dann mach das Fenster lieber zu und komm, ich wollte sowieso noch mit dir wegen heute Abend sprechen.“

Es klingelte zur nächsten Stunde. Die fünf Freundinnen reihten sich in den Strom von Schülern ein und gingen ins Foyer, wo gerade Herr Meier Richtung Lehrerzimmer vorbeieilte. Nina drehte sich gequält weg, denn von Französisch hatte sie die Nase gestrichen voll. Und ausgerechnet heute hatten sie fünf Stunden!

Als die fünf Mädchen sich in der zweiten Pause am Rondell trafen, waren alle ganz aufgeregt.
„Stellt euch vor, bei uns ist geklaut worden während der ersten Pause!“, sprudelte es aus Amy heraus.
„Genau! Es sind zwölf Handys und IPods verschwunden!“, fügte Josy hinzu.
„Bei uns auch!“, soweit kam Steff.
„Allerdings nur zwei Handys.“ Das kam von Nina.
„Quatsch, das waren drei Handys!“, verbesserte Jenni. Josy fasste die Lage sachlich zusammen:
„Also. Es sind mittlerweile 137 Diebstähle! Heute waren es die sechsten Klassen, morgen dann wahrscheinlich die Siebener oder Achter! Das heißt, dass wir schleunigst etwas unternehmen sollten!“ Doch dazu kamen sie nicht mehr, denn in diesem Moment klingelte es zur letzten Stunde.

„Mensch, das gibt es doch gar nicht!“, fluchte Amy wütend.
Die Mädchen saßen gerade in der letzten Stunde, als laut und beängstigend die Schulsirene durch die Gänge hallte und alle in Angst und Schrecken versetzte. Die Klasse von Steff, Jenni und Nina wurde von dem Lehrer hinaus auf den Schulhof gebracht, wo schon die anderen sechsten Klassen warteten. Schnell hatten die fünf Freundinnen sich gefunden.

„Passt auf! Eben, in der zweiten Pause, ist auch in der 6 a geklaut worden. Zwölf Wertsachen und Handys und so. Wir glauben, dass der Dieb den Feuermelder gedrückt hat…“, erklärte Josy.

„Schaut mal da!“, wurde sie von Jenni unterbrochen, die zu dem Fenster des Raums 201 zeigte. Dort sahen sie eine dünne Gestalt, die sich die Kapuze übergestreift hatte.

maren3„Schei…Äh Mist! Amy, Josy dahin!“, Nina zeigte in Richtung Bibliothek. „Steff, geh du zu einem Lehrer. Jenni komm mit Richtung zweihunderter, wir umzingeln ihn! Go!“ Keiner widersprach, sondern alle rannten los. Nina setzte zum Sprint an und wich dabei einem Lehrer aus, der sie packen wollte. Jenni hielt die Tür auf, beide stürmten hinein und hetzten die Treppe hoch. Sie rannten an einem eingeschlagenen Feuermelder vorbei, den Nina aus dem Augenwinkel registrierte. Von hinten näherten sich Amy und Josy und der Dieb stürzte aus einem Klassenraum und durch den Flur der Biologie, Physik und Chemieräume, der mit zahlreichen Fluchtschildern bestückt war. 


maren2Nina und Jenni griffen ins Leere. „Jetzt erst recht!“, dachte Nina und sprintete hinterher. Schon war Jenni mit ihr gleichauf, denn Sport war ihr absolutes Lieblingsfach. Die vier Mädchen rannten hinter dem Dieb her, der Richtung Aula stürmte, den Fluchtschildern folgend. Als sie bei der Aula ankamen, stiegen schon zwei Polizisten die Treppe zur ersten Etage herauf. Der Dieb flüchtete in die Aula, stürmte zum Hinterausgang, über dem ein grünes Fluchtschild prangte, und die Außentreppe hinunter.

„Mist!“, fluchte Jenni und flitzte die Treppe hinunter. Nina folgte ihr auf die Straße. „Oh nein wir dürfen doch das Schulgelände nicht verlassen!“, fiel es ihr ein. Sie zögerte kurz. Nein, auf gar keinen Fall wollte sie den Dieb jetzt davonkommen lassen. Sollten sie doch Ärger bekommen! Sie sprintete neben Jenni her zum Parkhaus. Doch dafür mussten sie über die Straße, wo gerade ein Auto heran rollte. Jenni und der Dieb waren schon auf der anderen Seite, während Nina eine Vollbremsung einlegte. Amy und Josy kamen keuchend an. Eigentlich konnte Nina auch nicht mehr, schließlich war sie nicht so durchtrainiert wie Jenni, die täglich ihr Pony ritt. Sie holte noch einmal alles aus sich heraus und fegte über die Straße. Schnell hatte sie die anderen eingeholt, denn auch sie war ein Ass in Sport - wenn auch nicht so gut trainiert. Plötzlich stoppte Steff vor ihr so abrupt, dass Nina sie fast über den Haufen rannte. Doch dann bemerkte sie, was Jenni schon längst entdeckt hatte: Vor ihnen und seitlich der Zufahrt des Parkhauses standen Reihen von Polizisten mit gezückten Waffen! Schnell wurde der Dieb festgenommen und die Kapuze heruntergerissen. Es war ein dünner Mann mit kurzen braunen Haaren. Nina hatte kaum genug Puste, um überrascht auszurufen: „Herr Meier!“

maren4Zwei Tage später ging Nina neben Steff und Jenni zum Rondell. Sie schaute auf die große Schuluhr. 

Halb zehn und Amy und Josy waren immer noch nicht da! Doch da kamen sie auch schon angerannt. „Leute! Wir werden morgen in der ersten Pause im Büro erwartet!“, platze Amy heraus.

„Ja genau! Der Direktor persönlich! Hat unser Mathelehrer uns gerade gesagt!“, ergänzte Josy, „Bestimmt wegen vorgestern.“

Nina ließ sich auf das Mäuerchen plumpsen. „Na toll. Das gibt doch wahrscheinlich riesigen Ärger! Und gleich dürfen wir auch noch eine Englischarbeit schreiben!“, schnaubte Nina.

Am nächsten Morgen gingen die fünf Freundinnen zusammen in der ersten Pause ins Büro. Herr Schneider, der Direktor, begrüßte sie kurz und bat sie, sich zu setzten. Er machte es sich in seinem Schreibtischstuhl bequem. „Ihr wisst wahrscheinlich, warum ihr hier seid!“, sagte Herr Schneider ernst und schaute die Mädchen streng an. „Schon, aber schließlich haben wir den Dieb überführt!“, sagte Amy trotzig.

„Amy Winter. Darf ich dich daran erinnern, dass es erstens für euch verboten ist, euch während der Pause im Gebäude aufzuhalten, zweitens muss man das Gebäude bei Feueralarm augenblicklich verlassen, das ist nicht nur vorgeschrieben, sondern andernfalls sehr gefährlich, und drittens dürft ihr das Schulgelände während des Unterrichts nicht verlassen! Das sind schwere Verstöße!“ Es herrschte Totenstille. Herr Schneider lachte. „Nun guckt nicht so! Es ist so, dass euch die Schule sämtliche Einträge erlässt, schließlich habt ihr viele Diebstähle aufgeklärt und Sebastian ..äh.. Herrn Meier überführt!“ Herrn Schneiders Gesicht verdunkelte sich, als er weiter sprach: „Und nicht nur das. Die Polizei hat mir mitgeteilt, dass sie schon lange gegen Herrn Meier ermitteln. Er hat nämlich nicht nur geklaut. Es läuft eine Anzeige gegen ihn wegen Einbruchs, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Diebstahls und sogar mit Drogen hat er gehandelt!“

maren5„Uff!“, machte Nina verblüfft. „Dann haben wir ja nicht nur einen Dieb überführt!“

„So ist es. So, ihr werdet Morgen in der fünften Stunde in der Aula erwartet, wo ihr für euer Verhalten geehrt werdet.“ Nina grinste erleichtert. Da hatten sie ja Glück gehabt! Als sie wieder vor der Bürotür standen, atmeten alle erleichtert auf.

„Leute, Leute, da haben wir aber Schwein gehabt! Das hätte ziemlich ins Auge gehen können…“ Doch Amy unterbrach Nina, indem sie theatralisch auf ihre nicht vorhandene Armbanduhr schaute.

„Uups, es ist ja schon eine Minute nach halb zehn! Wer als erstes beim Rondell ist!“