Drucken

Begegnungen mit Standorten der alten Lateinschule

Von welcher Seite man auch immer auf das alte Siegen schaut, immer fällt auf, wie sich als markante Wahrzeichen der mächtige Turm der Nikolaikirche aus dem Herzen der Stadt auf dem Siegberg erhebt. Das ist heute nicht anders, als man es von früheren Stichen und Bildern der Stadt aus vielen Jahrhunderten kennt. Bei unserem Gang durch die Siegener Altstadt soll uns heute die Kirche mit ihrem "Krönchen" weniger interessieren als Zeichen der Verbundenheit vieler Siegener und Siegerländer mit ihrer Heimat, auch nicht als das ehrwürdige Gotteshaus der evangelischen Gemeinden.

Hier in der alten Mitte der Stadt beginnen wir unseren Weg zu den Städten aus der Schulgeschichte, weil hier durch Jahrhunderte hindurch, länger als an irgendeiner anderen Stelle, die alte Lateinschule ihre Heimat hatte, wohl von ihren mittelalterlichen Anfängen an – mit drei allerdings kennzeichnenden Unterbrechungen an anderem Ort – bis in das 19. Jahrhundert hinein, bis nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft Siegen und das Siegerland aus den nassauischen und oranischen Gebieten herausgenommen wurde und an Preußen kam, wodurch die Stadt‑ und Schulgeschichte eine ganz neue Richtung nahm.

Es ist kein schönes Foto, das die Nikolaikirche abbildet – es erinnert auf den ersten Blick an Krieg und Zerstörung, hat aber damit nichts zu tun, sondern zeigt den Beginn des Abbruchs des alten Dachstuhls beim Umbau 1903, als die Schule schon drei Generationen lang den Nikolai‑Speicher verlassen hatte. Aber das Foto gibt uns den einzigen und letzten "Einblick" in die Räume über den Kirchengewölben.

Lange bevor der erste Siegener Fürst das Krönchen auf die Turmspitze setzte, ja, lange bevor 1536 mit dem Rektorat des Erasmus Sarcerius die Neukonstituierung der Lateinschule im Sinne eines heutigen Gymnasiums einsetzte, war die alte städtische Pfarrschule hier oben zu Hause. Schon 1455 ist in alten Handschriften die Rede von den Schülern "uff sent nycolais dach", und der erste "scholemeister zu Sygen" ist sogar, wenn auch ohne Bezug zu einem Gebäude, schon 1342 namentlich erwähnt worden.

Das Kirchenfoto soll helfen, uns als heutige Betrachter der Nikolaikirche zurechtzufinden, wenn wir uns mit viel Phantasie in die früheren Jahrhunderte der Schulgeschichte zurückversetzen wollen. Das spitze Zeltdach der nach Kriegszerstörungen wieder­erbauten heutigen Kirche lässt kaum noch ahnen, wie viel Platz da früher war auf dem 30 Meter langen Dachboden, der bis in die Höhe der Turmuhr reichte und dessen weit ausladendes Satteldach mehrere Stockwerke unter sich hüllte. Platz war da nicht nur für die drei, zeitweise vier Unterrichtsräume der alten Lateinschule in zwei Fachwerk‑Etagen über dem Mittelschiff, auch für die Jungen der Bürgerschule über dem Chor, sogar noch zeitweise für die Mädchen im Obergeschoss der hölzernen Verkaufsstände, die sich – wie bei vielen Kirchen an alten Marktplätzen – an das Mauerwerk anlehnten und die Straßen noch enger machten.

Viel Gedränge gab es damals sonntags wie werktags um die Kirche herum; die Häuser gingen, etwa an der Nordseite in der Krämergasse, bis nahe an die Kirche heran – es gab noch nicht wie heute den freien Blick zur Marburger Straße hin über Gartenanlagen, Brunnen und Schach‑Spielfeld. Hier standen die alten Häuser des Klubb-Viertels, wie wir sie von Scheiner-Bildern des vorigen Jahrhunderts kennen. Die engen Straßen und Märkte um die Kirche herum dienten gleichzeitig als Schulhof.

Zweierlei muss unsere Phantasie noch ergänzen, was auch Scheiner-Gemälde nicht mehr zeigen. Den Dachreiter mit der Schulglocke (heute im Museum unter der Haube des Oberen Schlosses) und die je zwei beziehungsweise drei in die beiden Seiten des Dachs gebrochenen Fenstergauben, die den Klassen­räumen der Lateinschule ihr Licht gaben.

Von der Krämergasse aus stiegen Schüler und Lehrer Jahrhunderte lang durch den Turm hoch zu den Glockenseilen und von dort auf den Dachboden zu den Unterrichtsräumen, von wo sie aus luftiger Höhe zu den Bergen der Heimat und in die Täler schauten, auf der einer Seite ins Siegtal, auf der anderen Seite ins Weißtal. Wer gute Augen hat, sieht auf der Stadtansicht von 1605 hoch auf dem Dach der Nikolaikirche die Schulfenster, die dann nach Aufgabe der Räume in den 1820er Jahren zusammen mit dem entbehrlich gewordenen Dachreiter entfernt wurden.

Leider gibt es keine Bilder vom Innern der Schule über den Nikolai-Gewölben. Angaben in alten Rechnungen und Berichten sind da nur ein schwacher Ersatz: Rechnungen für Pulte und Bänke, für den Schornsteinbau und den schweren Ofen, Klagen über sommerliche Hitze und winterliche Kälte unter dem Dach, Bezeichnung der Grundstücke in Weidenau und Volnsberg, die die Kirche für die Zahlung von Unkosten veräußern musste, später Klagen über ausbleibende Renovierungen und zuletzt über den gefährlichen Zustand der vernachlässigten Jahrhunderte alten Räume im Gebälk des Kirchenspeichers. Angemerkt sei noch, dass Schüler und Lehrer natürlich ihre fest angegebenen Plätze eine Etage tiefer im Kirchenraum hatten, wo sie – etwa mit dem Schulchor – selbstverständlich bei Gottesdiensten und Trauerfeiern mitwirkten.

Bevor wir bei unserem Rundgang zu den Stätten aus der Schulgeschichte die Nikolaikirche verlassen, werfen wir vom Neumarkt aus noch einen Blick in die Burgstraße Richtung Oberes Schloss, zur Siegener Residenz der alten Nassauer Grafen. Wir denken daran, was die Schule alles den Bemühungen nicht nur von Stadt und Kirche, sondern auch von Seiten der Territorialherren zu verdanken hat. Und wenn wir zum Rathaus hinabsteigen, dann sei daran erinnert, dass dort immer Ausweichräume für die Siegener Schulen aller Schulformen zur Verfügung gestanden haben. Das war so bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Rathaus aus dem Mittelalter, von dem heute nichts mehr steht. Das gilt erst recht für den nach damaligen Verhältnissen großzügigen Neubau um 1780, den vorderen Teil des heutigen Rathauses. Dessen Entste­hung kurz vor dem politischen und finanziellen Niedergang der Stadt in den Wirren der Napoleon‑Zeit war ein Glücksfall für die Schule, weil der neue Bau in der dürftigsten Zeit der Schulgeschichte, als die Zustände unter dem Nikolai‑Dach unerträglich wurden, die Klassen der Lateinschule aufnehmen konnte, bis für neuen Raum gesorgt war.

Nach unserem kurzen Weg vorbei an der St.‑Marien‑Kirche und durch die heute so anheimelnde Alte Poststraße, stehen wir vor dem Karstadt‑Kaufhaus beim Unteren Schloss an einer für die Schule wichtigen Stelle. Bei dem Versuch, uns in frühere Epochen zurückzudenken, wird unserer Phantasie besonders viel zugemutet, weil mehr als eine historische Schicht freigelegt werden muss.

Für den ersten Anlauf in die frühere Zeit, ins 16. Jahrhundert, kann uns der alte Stich von Braun und Hogenberg hilfreich sein: Wo heute und seit 250 Jahren Dicker Turm und Unteres Schloss den uns bekannten Akzent im Stadtbild am Kölnertor setzen, stand vorher 200 Jahre lang das Kloster (auf dem alten Stich: "Coenobium") mit der dazugehörigen Johanneskirche, der dritten mittelalterlichen Kirche der Stadt. Um die unterirdischen Reste dieser Kirche ging es in der Diskussion vor knapp 20 Jahren, an die sich viele Siegener noch erinnern. Damals kam die Frage auf, ob beim Bau des neuen (Neckermann‑) Kaufhauses die „Krypta" erhalten oder aufgegeben werden sollte. Eben dieses Kloster, das vor über 450 Jahren bei der Einführung der Reformation von den Franziskanermönchen aufgegeben werden musste, stand – wie in vielen evangelisch gewordenen Städten – der reformatorischen Obrigkeit zur Verfügung. Hier fand auch die Neukonstituierung der alten Lateinschule als Pädagogium unter Erasmus Sarcerius statt, bis nach gut zehn Jahren die Räume über den Nikolai-Gewölben renoviert worden waren und die Schule dorthin zurückkehrte.

Und noch zweimal hat die Lateinschule für wesentliche Jahre vor und nach 1600 den Kirchenboden verlassen: als die Herborner Hochschule aus unterschiedlichen Anlässen (zuletzt wegen der Pest-Epidemie) nach Siegen auswich, als reges akademisches Treiben deutscher und ausländischer Studenten auf dem Boden herrschte, wo sich heute Dicker Turm und Karstadt befinden. Als die Lateinschule sozusagen den Unterbau und Zubringer für die Landesuniversität im Kloster abgab und von berühmten Hochschullehrern profitierte. Das war eine glänzende Epoche der Schulgeschichte mit einer Schülerzahl (176), die erst Mitte des 19. Jahrhunderts wieder erreicht wurde. Als die Hochschule Siegen wieder verließ, hieß es auch für die Lateinschule wieder: zurück unters Kirchdach!

Leichter fällt uns vor dem Karstadt‑Gebäude die historische Orientierung in jüngere, nicht so fremde Jahrhunderte. Eines der schlimmsten Ereignisse der Siegener Stadtgeschichte war der große Stadtbrand von 1695, der das Aussehen der Unterstadt stark veränderte, der das Kloster mit der von beiden Konfessionen benutzten Johanniskirche hinwegraffte (so dass sich die Katholiken um ein eigenes Grundstück für den Bau ihrer St.‑Marien‑Kirche bemühen mussten) und der Platz schuf für die weiteren Anlagen des Unteren Schlosses. Der Scheiner-Blick ist uns durchaus vertraut, bis auf das Portalgebäude, das dem Fernamt der Post weichen musste, und bis auf die beiden Nebengebäude der ehemaligen Residenz, dem Ballhaus und dem Marstallgebäude zwischen Dickem Turm und dem alten Turm der Stadtbefestigung.

Um diesen Marstall mit dem schwer erkennbaren Dachreiter, um das rechte der beiden Gebäude auf früher klösterlich und heute kommerziell genutztem Grund geht es uns, wo in fürstlichen Zeiten Pferdeställe und der Wagenpark der Hofhaltung untergebracht waren. Hier wurde die Lateinschule 1836/37 nach manchen Improvisationen im Anschluss an das Ende der Nikolaikirchen-Zeit auf Dauer untergebracht, jetzt unter dem Namen "Höhere Bürgerschule". Hier in diesem Gebäude (alten Siegenern noch bis 1944 als Stadtschule bekannt) begann für die jetzt stärker naturwissenschaftliche Schule eine neue positive Entwicklung; aus vielen westdeutschen Städten schickten Unternehmer aus Industrie‑, Bau‑ und Bergfach ihre Söhne nach Siegen. Der neu erworbene Ruf ließ die Schule bald aus allen Nähten platzen, so dass sich 30 Jahre später die Stadtverordneten schon wieder nach einem neuen Standort umschauen mussten.

Zur letzten Station unseres kleinen Spaziergangs überqueren wir den weiten Hof des Unteren Schlosses, weiland Schulhof der "Realanstalt", denken bei den Arkaden der Fürstengruft an den Fürsten Johann Moritz, den großen Freund und Förderer der Schule, und befinden uns nun auf dem Kirchhof der Martinikirche über der Stadtmauer, dem Jahrhunderte alten Friedhof der Stadt. Beim Anblick einer schönen gusseisernen Grabtafel an der Kirchenmauer denken wir daran, dass bis zur preußischen Zeit so gut wie alle Lehrer von jungen Theologen gestellt wurden, die den Schuldienst nur bis zum Überwechseln in die besser dotierten Pfründe einer Pfarrstelle versahen, dann aber, wie dieser Joh. Herm. Grimm aus dem 18. Jahrhundert, als geistliche Schulräte dann doch noch viel für die Schule tun konnten. – Vom äußersten Punkt der Stadtmauer grüßt das Denkmal des Adolf Diesterweg herüber, des größten Schulmanns des vorigen Jahrhunderts, der uns für die lange Reihe berühmter ehemaliger Schüler stehen soll. Wichtiger ist der Blick über den Obergraben zur nur einen Steinwurf entfernten Weiß: Hier ist seit 1873 das Löhrtor-Gymnasium in der Oranienstraße endgültig zuhause, zuerst in einem stattlichen Bau, der damals das erste öffentliche Gebäude außerhalb der ehemals ummauerten Stadt war, "weit draußen im Tal", heute in dem vor einem halben Jahrhundert auf den Trümmern neu errichteten Bau, den die Luftaufnahme zeigt, mit der Aula (Bühne der Stadt Siegen) im Vordergrund.

Unter den heute fünf Gymnasien der Stadt ist das Löhrtor auch schon wieder das älteste Gebäude. Und wer zur Nachkriegsgeneration gehört, vergisst auch nicht, von der Stadtmauer aus einen Blick auf die Schulen zu werfen, in denen das Städtische Gymnasium nach den Bombenschäden des letzten Krieges zehn Jahre lang zu Gast war: auf die ehemalige Wiesenbauschule am Häusling (jetzt Realschule), auf die Mädchenschule in der St.‑Johann‑Straße (jetzt Technologiezentrum) und auf der anderen Seite zur alten Bergschule auf dem Wellersberg. Heute hat das Löhrtor‑Gymnasium – mit seinem neuen Namen und mit der Anbindung an die Löhrtor‑Straße keineswegs mehr das Gefühl "weit draußen" zu liegen, es sieht sich wieder im Zentrum der Großstadt Siegen wie früher im Zentrum der alten Stadt. – So wie die äußere Geschichte der Schule die enge Verflochtenheit mit der Geschichte Siegens deutlich macht, so ist auch ganz sicher die innere Bindung an die Stadt und ihre Bürger in dieser Schule weiter lebendig.