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Wie lässt sich der Streicherklassenunterricht vor dem Hintergrund der geltenden Richtlinien begründen?

Die Richtlinien für die Sekundarstufe I in NRW formulieren zwei übergeordnete Richtziele:
"Der Unterricht soll Hilfen geben zur Entwicklung einer mündigen und sozial verantwort­lichen Persönlichkeit" und "grundlegende Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln".

Der Streicherklassenunterricht bietet die Möglichkeit, viele der bei der Entfaltung dieser Richtziele formulierten Forderungen an den Unterricht der Sek. I in mustergültiger Weise zu erfüllen. So sind in der Orchestersituation die "Entfaltung individueller Fähigkeiten" und der "Aufbau sozialer Verantwortung" untrennbar miteinander verbunden. Der Gesamtklang verträgt kein den Nebenspieler aus dem Blick verlierendes Nur-an-sich-Denken. In diesem Zusammenhang heißt es in den Richtlinien außerdem, dass "soziale, fachbezogene und kulturelle Erfahrungen" gesammelt werden sollen. Der SKU stellt die SchülerInnen in die jahrhundertealte Musikkultur Europas, ist fachlich ausgesprochen anspruchsvoll und, wie oben gezeigt, nur im Miteinander zu verwirklichen. Gerade vor Konzerte oder Vorspielen ist deutlich zu spüren, wie die SchülerInnen sich auch gegenseitig unterstützen, kritisieren und motivieren, um das Gruppenergebnis so gut wie möglich werden zu lassen.

Kernforderung einer Schülerorientierung ist, dass "der Wechselbezug von Theorie und Praxis ... ein wesentliches Merkmal eines Unterrichts (ist), der wissenschafts-propädeutische Arbeitsweisen vorbereiten soll". Dieser Wechselbezug, der im normalen Musikunterricht oft nur so mühsam zustande kommt, wird durch die Notwendigkeiten, zentrale Kommunikationsmittel unserer Musikkultur (Notenschrift, Dirigierzeichen etc.) ständig zu verwenden, im Streicherklassenunterricht zur Selbstverständlichkeit.

Die oft diskutierte Frage nach der Bewertbarkeit von praktischem Musizieren (Vorspielen) im Musikunterricht wird dadurch, dass der Unterricht selbst die dazu nötigen Fertigkeiten vermittelt, von den Richtlinien eindeutig positiv beantwortet.

Das erfolgreiche Vorspielen als nonverbale Leistung schafft bei vielen SchülerInnen ein besonderes Selbstbewusstsein.

Im weiteren Verlauf der Sekundarstufe I haben die StreicherklassenschülerInnen einen zwar anderen, aber mindestens ebenso intensiven Unterricht in der Orientierungsstufe wie die übrigen Schüler als Basis. Zudem begleitet sie, wenn sie ihr Instrument weiterspielen, ein vertiefter Umgang mit Musik durch ihre weitere Schullaufbahn und, ein nicht gerade bescheidenes Ziel, möglichst auch darüber hinaus. Der alte Spruch "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir" hätte dann eine schöne Bestätigung gefunden.

Wie kann Streicherklassenunterricht erfolgreich verwirklicht werden?

Wesentliche Voraussetzung für die Unterrichtenden ist sicher das Vertrautsein mit einem Streichinstrument und die Bereitschaft, sich als Teil eines Teams mit der Methodik und Didaktik des Großgruppenunterrichtes intensiv auseinander zu setzen. Die traditionelle Schulmusikerausbildung fördert bisher zum einen deutlich das Klavier als Hauptinstrument, und daher sind die Streicher unter den Schulmusikern eher in der Minderheit. Diese Streicher sind zwar in der Regel intensiv spieltechnisch, aber überhaupt nicht instrumentaldidaktisch ausgebildet. Daher wäre unserer Überzeugung nach eine Integration von Instrumentaldidaktik für Orchesterinstrumente in Großgruppen (Streicher oder Bläser) in das Schulmusikstudium wünschenswert. Immer schon lernt der/die Schulmusiker/in Ensembleleitung: die Notwendigkeit gerade in Anfängerensembles, konkrete spieltechnische Hinweise zu geben, die für die Adressaten auch umsetzbar sind, lässt dann allerdings manches mit sehr viel gutem Willen betreute Ensemble doch wieder verkümmern.

Aktuell bietet die Akademie für Musikpädagogik in Mainz praxisbegleitende Fortbildungen in Rolland-Methodik an. Hier werden unter der Leitung von Bernd Zingsem aus Bochum, der durch seinen unermüdlichen Einsatz das Projekt der Akademie für Musikpädagogik erst ermöglicht hat, und Regine Schulz-Greiner aus Berlin grundsätzliche methodische und organisatorische Ergebnisse des Illinois-String-Research-Projekt unter Berücksichtigung der in Deutschland gemachten Erfahrungen weitergegeben. Wesentlich dabei ist die Möglichkeit, mit bestehenden Streicherklassen u.a. auch an unserer Schule zu arbeiten.

Eine Schulleitung und ein Kollegium, die das Streicher-Projekt mittragen, helfen ungemein.

Eltern, die einen Teil der organisatorischen Aufgaben mit übernehmen, sind eine auch im Wortsinne unbezahlbare Hilfe. Die finanzielle Zusatzleistung der Eltern für die zweite Lehrperson und das Leihinstrument muss für eine große Mehrheit der Elternschaft einer Schule tragbar sein.

Ein Geigenbauer, der seinen Sachverstand für den Aufbau und die Pflege des Instrumentenbestandes einbringt, erspart Fehleinschätzungen bei der Anschaffung und unnötige Verschleißschäden am wertvollen Imstrumentarium.

Die in den Streicherklassen gewachsenen Sozialstrukturen sollten unbedingt durch das Angebot von leistungs- und altersspezifischen Orchestergruppen erhalten werden. Für viele Kinder und Jugendliche ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe eine wichtige Stabilisierung und Motivation in schwierigen Phasen.

Der Schulträger ist für die Bewilligung der besonderen Unterrichtsform und die Unterstützung bei der Finanzierung von Leihinstrumenten ein unverzichtbarer Partner.