Hier testen die Zehntklässler die Handy-Kästen, die für sie in der Oberstufe zur Selbstverständlichkeit werden sollen. Fotos: Björn Hadem
Hier testen die Zehntklässler die Handy-Kästen, die für sie in der Oberstufe zur Selbstverständlichkeit werden sollen. Fotos: Björn Hadem

Das Gymnasium in Siegen geht neue Wege, um den Handykonsum im Schulbetrieb einzudämmen. Schüler und Eltern müssen dafür sogar selbst investieren.
Der unbemerkte Blick aufs Display soll damit unmöglich werden. Auch für Lehrer gibt es Regeln.

Von Björn Hadem

SIEGEN. Nach den Herbstferien startet der Schulalltag am Siegener Gymnasium Am Löhrtor in ein neues Zeitalter - dann dürften nicht mehr ganz so häufig wie bisher die Toiletten in den Pausen blockiert sein. Ein besonderes Bedürfnis können die Mädchen und Jungen dort nämlich nicht mehr stillen: einen unbemerkten Blick auf die Bildschirme ihrer Handys.

Die Smartphones der Unter- und Mittelstufenschüler schickt die Schulkonferenz von Siegens größtem Gymnasium nämlich in die schultägliche Verbannung. Morgens wandern die Geräte in eine Art Handy-Garage aus Stoff. Dort sind die Mobiltelefone nicht nur abgeschirmt von sämtlichen Empfangsimpulsen, sondern auch gut verschlossen. Öffnen lassen sich die Taschen nur mit Magneten, über die die Lehrkräfte und das Sekretariat verfügen. Alternativ öffnen sich nach Unterrichtsschluss jene Stationen an den Ausgängen der Schule, in denen besagte „Unlocker” auch für Schüler verfügbar sind, um sich wieder in die Online-Welt einzuklinken.

Oberstudiendirektor Dr. Reiner Berg, Leiter des Gymnasiums Am Löhrtor, erklärt: „Wir haben uns jetzt zwei Jahre intensiv mit dem Thema Handy in der Schule beschäftigt und auch mit den sozialen Netzwerken, die für die Schülerinnen und Schüler eine große Rolle spielen.“ Daraus sei die Erkenntnis erwachsen: „Das größte Problem besteht in der Sekundarstufe I, also ab der Unterstufe bis Klasse 10, dass dort Handymissbrauch stattfindet.”

Zwar ist die Handynutzung auf dem Schulgelände für die sechs unteren Jahrgänge der Schule ohnehin schon seit Jahren tabu - sie dürfen ihre Handys dabei haben, sie aber nicht in Betrieb nehmen -, doch konsequent kontrollieren lasse sich diese Regel nicht: „Klar ist, dass wir Lehrer keine komplette Kontrolle darüber haben können. Die Handybenutzung geht im Verborgenen weiter.“ Bisweilen geschehe dies unter den Tischplatten im Klassenraum. Dass dieses Störpotenzial mit der Neuanschaffung von Handytaschen wegfallen wird, ist zumindest die Hoffnung der Schulkonferenz, die sich für deren kollektiven Einsatz ausgesprochen hat. Dr. Reiner Berg: „Wir erhoffen uns dadurch viel mehr Ruhe im Unterrichtsalltag und auch eine höhere Sensibilität im Umgang mit den Handys.“ Der Achtklässler Sascha Hermann, beim Tischtennisspielen auf dem Schulhof nach seiner Meinung befragt, gibt zur neuen Regelung zu Protokoll: „Ich finde das eigentlich ganz gut, weil man die Schüler dazu motiviert, weniger daranzugehen, und auch dazu bringt, dass sie sich mehr auf den Unterricht fokussieren.“ Seine Sorge sei nur, dass er wegen der Massen-Entsperrung von Handytaschen nach Ende des Unterrichts seinen Bus verpassen könnte.

Der Sechstklässler Matti Hilgendorff findet es angesichts der neuen Handytaschen „ein bisschen doof, dass wir die selber kaufen und bezahlen müssen” - zehn bis 15 Euro werden pro Schüler fällig. Wem es schwerfalle, die Summe aufzubringen, darf jedoch auf die finanzielle Unterstützung des schulischen Fördervereins hoffen.

Für die Oberstufe hat das „GAL" nun eine stattliche Anzahl von Kunststoffkästen angeschafft, in die die Gymnasiasten nach Betreten des Kursraums ihre Handys hineinstellen und nach Ende der Stunde wieder entnehmen. Zudem habe sich die Schülervertretung zwei Aufenthaltsräume „erkämpft, in denen Handys benutzt werden dürfen“ - nur von Oberstufenschülern, versteht sich. Mit welchen Sanktionen Schüler rechnen müssen, wenn sie sich beim Durchbrechen der erneuerten Regeln erwischen lassen, befindet sich am Löhrtor noch in der Absprache. Überhaupt: „Wir probieren das jetzt, nach einem Jahr reflektieren wir den Prozess und gucken, welches Bewusstsein beiden Schülern entstanden ist”, erklärt der Schulleiter; dann würden sie weitere „Optimierungsversuche” unternehmen.

Dass die Gymnasiasten am „GAL“ jetzt schon ein Verantwortungsbewusstsein für ihren Handykonsum entwickelt haben, ist zumindest an einem klar formulierten Wunsch erkennbar: Sie möchten, dass der Umgang mit Handys und Social Media zu einer fest installierten Unterrichtseinheit in ihrer Schule wird. Auch hier eine Ergänzung zum Bisherigen: Schon seit Jahren bildet das „GAL” einige Schüler zu Medienscouts aus, die ihre Mitschüler für ein verantwortungsbewusstes Tummeln im weltweiten Netz sensibilisieren.

Übrigens: Als wandelnde Vorbilder dürfen die Lehrer am Löhrtor „die Handys im Unterricht auch nicht so einfach benutzen“, stellt Dr. Reiner Berg klar und ergänzt: „Die Schüler achten sehr genau darauf und haben dezidiert gesagt, dass die Lehrer sich auch so verhalten müssen - das sehe ich als Schulleiter genauso.“