SIEGEN Bundeswettbewerb Mathematik: Ruth Plümer gehört zu den besten Nachwuchsmathematikern in ganz Nordrhein-Westfalen

Die 17-jährige Oberstufenschülerin holt beim Bundeswettbewerb den zweiten Platz.

Ap ■ „Es klingt vielleicht absurd, aber man braucht schon eine gewisse Intuition, um die Aufgaben zu lösen“, glaubt Ruth Plümer. Bereits zum dritten Mal hat die 17-jährige Oberstufenschülerin am Bundeswettbewerb Mathematik teilgenommen – und in diesem Jahr in der vorletzten (Hausaufgaben-)Runde sogar den zweiten Platz belegt, genau wie Mitstreiterin Reka Wagener aus Siegen.

Insgesamt starteten 1182 Jugendliche aus ganz Deutschland, davon 173 aus Nordrhein-Westfalen. Dass sich Ruth gegen so viele Rechen-Talente bis kurz vor dem Finale durchsetzen konnte, erfüllt sie sichtlich mit Stolz.

„Die Aufgaben sind schon sehr anspruchsvoll“, betont das Mathe-Ass. Oft seien sie zwar mit Logik zu lösen. „Das heißt aber nicht, dass sie leicht sind.“ Teilweise dauert es mehrere Tage, bis eine knifflige Aufgabe geknackt ist. Und dabei kann ihr auch niemand wirklich helfen.

AUFGABE

Knobeln Sie gerne? Dann bitteschön: Jeder darf sich an dieser Aufgabe aus der 1. Runde des Bundeswettbewerbs versuchen.

Ein Würfel mit Kantenlänge 10 wird durch einen Ebenen-Schnitt in zwei Quader mit ganzzahligen Kantenlängen zerlegt.
Anschließend wird einer dieser beiden Quader durch einen zweiten Ebenen-Schnitt weiter in zwei Quader mit ganzzahligen Kantenlängen zerteilt.
Welches ist das kleinstmögliche Volumen des größten der drei Quader?

„Ganz ehrlich: Die meisten aus meinem Umfeld können nicht sonderlich viel mit den Aufgaben anfangen“, erzählt Ruth mit einem breiten Lächeln. Sie spricht von Dreiecken mit zahmen und wilden Seiten, von Algebra und geometrischen Kombinatorik-Aufgaben. „Schwierig zu erklären.“ Sie schaut auf ihren Block mit lauter Linien und Ziffern. „Was ich aber wirklich herausfordernd finde, sind Ungleichungen“, verrät sie. Dabei müsse man nämlich nicht nur irgendwelche Zahlen einsetzen. „Man muss auch Terme zusammenfassen und auseinanderfriemeln.“ All das lerne man in der Regel jedoch nicht im Unterricht. Dort gehe es meist „nur“ ums Rechnen, man komme selten mit „richtiger Mathematik“ in Kontakt. Ruth wundert es deshalb nicht, dass viele Mitschüler keinen Sinn für Formeln und (Un-)Gleichungen haben. Dabei sei Mathe doch so wichtig – und alles andere als realitätsfern. „Alle Naturwissenschaften bauen darauf auf.“ Mathematik stecke in Alltagsgegenständen, in der Technik, in unseren Handys. „Es ist schade, dass viele das nicht sehen. Wenn man sich länger damit beschäftigt und dann feststellt, dass Mathe so viel mehr ist als der kleine Ausschnitt, den man in der Schule lernt, macht das wirklich richtig viel Spaß.“

Über den Bundeswettbewerb Mathematik
Der Bundeswettbewerb Mathematik wurde 1970 auf Initiative des Stifterverban­des ins Leben gerufen. Ausrichter des Wettbewerbs ist Bildung & Begabung, das Talentförder­zentrum des Bundes und der Länder. Teilnehmen können Schüler aller Klassenstufen, auf die knifflige Aufgaben von unterschiedlich hohem Schwierigkeits­grad warten. Der Wettbewerb zielt darauf ab, dass Jugendliche, die Spaß an der Mathematik haben, ihre Fähigkeiten erproben, ausschöpfen und weiterentwickeln, Nach zwei Hausaufgabenrunden stehen in diesem Jahr nun die Besten aus Nordrhein-Westfalen fest: Fünf Schüler bekommen einen ersten, fünf einen zweiten (darunter Ruth Plümer und Réka Wagener aus Siegen) sowie fünf Nachwuchsmathematiker einen dritten Pries. Die Erstplatzierten der zweiten Runde haben sich mit ihren Leistungen für das abschließende Kolloquium im Februar 2022 qualifiziert, bei dem die Bundessieger durch Fachgespräche ermittelt werden. Diese erhalten mit Aufnahme eines Studiums ein Stipendium der Studienstiftung.

Allerdings habe sie sich auch schon immer sehr für das Fach interessiert, räumt die Löhrtor-Schülerin ein. Übermäßig gut im Rechnen sei sie aber früher nie gewesen – das dachte Ruth zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als sie in der dritten Klasse am Känguru der Mathematik teilnahm. „Zu meiner Überraschung war ich die Beste der ganzen Schule.“ Seitdem nimmt die 17-Jährige an diversen Wettbewerben teil, wurde bereits in die Sommerakademie des Landesverbandes eingeladen, lernte andere Mathe-Talente kennen und tauchte so förmlich eine „Mathe-Community“ ein. Dass sie ihr Wissen nach dem Abitur an der Uni vertiefen will, ist so gut wie sicher.

Doch die Einser-Schülerin hat auch noch andere Interessen und Hobbys. „Ich schwimme gerne, bin bei den Pfadfindern und liebe das Lesen“, zählt Ruth auf.

Im nächsten Jahr überlegt sie, bei einer Linguistik-Olympiade mitzumachen. Und eines hat die Sprachwissenschaft mit all ihren Formen, Funktionen und Analysen sogar mit Mathe gemeinsam: „Es gibt nur richtig oder falsch. Man kann die Lösung objektiv nachvollziehen, da gibt es keinen Interpretationsspielraum.“

Sparkassen-Wettbewerb „Gut für Schulen“ trotzt Corona: Jury wählt aus 15 Teilnehmern aus

kay Rudersdorf. Ist ein Projektwettbewerb für Schulen in Zeiten der Corona: Pandemie eine gute Idee? „Natürlich!” so Tanja Scherzer. Koordinatorin des Schul: wettbewerbs „Gut für Schulen” der Sparkasse Siegen. Man habe überlegt, ob man es den Schulen in diesen Zeiten zumuten könne, an solch einem Wettbewerb teilzunehmen. Im vergangenen Jahr seien aber so viele Projektideen wie nie eingereicht worden, weshalb die erneute Durchführung keine Frage gewesen sei, fügte sie hinzu.

Seit 2011 ruft die Sparkasse Siegen in ihrem Geschäftsgebiet zu dem Schulwettbewerb auf. Im jährlichen Wechsel können sich Primar- oder Sekundarschulen mit je einem besonderen Projekt um eine Förderung bewerben. Dieses Mal waren turnusgemäß wieder die weiterführenden Schulen an der Reihe, von denen sich 15 beworben hatten. „Bei unserem Wettbewerb erhält nicht unbedingt das Projekt mit der höchsten beantragten Fördersumme das meiste Preisgeld, sondern die beste Idee wird ausgezeichnet‘, erklärte Günter Zimmermann, stellv. Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Siegen. Bei der Prämierung habe man insbesondere auf die Nachhaltigkeit und die Partizipation möglichst vieler Schülerinnen und Schüler geachtet.

Die Jury, bestehend aus Dr. Eckart Diezemann, Lehrbeauftragter der Fernuni Hagen und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Florian Kraft, Lehrer und Oberstufenleiter an der Gesamtschule Freudenberg sowie Vorsitzender des Siegener Schulausschusses, Walter Sidenstein, Schulamtsdirektor a. D. des Kreises Siegen-Wittgenstein, sowie Günter Zimmermann, hatte sich die Entscheidung auch in diesem Jahr nicht leicht gemacht. Die Bewerbungen waren kreativ und zum Teil sehr aufwändig gestaltet.

Corona-bedingt erfolgte die Übergabe der Gewinnurkunden an die vier Bestplatzierten im kleinen Rahmen in den Räumlichkeiten der Hauptschule Wilnsdorf. Alle weiteren Teilnehmer erhalten ihre Siegerurkunden per Bote. Als Gesamtsieger landete die Pestalozzischule Siegen mit der Idee ihrer Schülerfirma „Holz & more” auf dem mit einem Preisgeld in Höhe von 6000 Euro dotierten 1. Platz. Das Projekt beinhaltet alles von der Gründung, über den Betrieb, die Produktion und das Marketing der Firma.

Je 5000 Euro und die zugehörigen Siegerurkunden in der Kategorie „Platin" erhielt die Hauptschule Wilnsdorf für die Gründung einer Schülerfirma, die sich insbesondere mit der Arbeit im Schulgarten beschäftigt. Das Siegener Gymnasium Am Löhrtor wurde für den Betrieb einer Catering-AG geehrt, die bei Schulfesten zum Einsatz kommt und im nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln schult. Die Gesamtschule Freudenberg hat ein Projekt umgesetzt, in dem bei möglichst vielen Unterrichtsvorhaben Mikrocontroller eingesetzt werden sollen, um dadurch ein ganzheitliches und projektorientiertes Lernen im Technikunterricht zu fördern.

GOSENBACH Volkstrauertag: Zentrales Innehalten an der Kreisehrengedenkstätte nach Corona-Pause wieder mit Gästen

Gymnasiasten vom Löhrtor appellieren: Wir müssen aus der Vergangenheit lernen.

js ◼ Frieden ist keine Selbstverständlichkeit - auch wenn es sich gut siebeneinhalb Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs so anfühlen mag in Deutschland. Die Zeitzeugen, die noch selbst berichten können aus den dunklen Stunden der Geschichte, sterben langsam aus, werden eines nicht allzu fernen Tages nicht mehr Rede und Antwort stehen können. Umso wichtiger war es einer Reihe von Oberstufenschülern des Siegener Löhrtorgymnasiums, das Gespräch zu suchen; aus erster Hand zu erfahren, wie es damals war, Kind oder Jugendlicher zu sein, welche Ängste und Sorgen den Alltag bestimmten. Bei der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag an der Kreisehrengedenkstätte in Gosenbach zogen Oskar, Georg, Yannik, Robin, Julia und Linus den Vergleich zu ihrem eigenen Leben - und gedachten auch der jungen Menschen, die seinerzeit Opfer des Naziregimes wurden.

„Sie waren Jugendliche wie er, sie oder ich“, erinnerte Oskar an die jüdischen Kinder, die von Gleis 4 des Siegener Bahnhofs aus deportiert wurden. Fußballspielen oder Freunde treffen? An das, was heute zum Alltag des Nachwuchses gehören mag, war seinerzeit nicht zu denken. „Sie mussten um ihr Leben fürchten.”

Auch die Senioren, mit denen Georg gesprochen hat, berichteten dem Löhrtorianer von einer Zeit, die ganz anders gewesen sei als sein wohlbehütetes Umfeld von heute. „Sie lebten in einer Welt, die von Hass und Unterdrückung bestimmt wurde.“ Gefordert worden sei die bedingungslose Selbstaufgabe an ein totalitäres System. Die Angst vor einem Bombenangriff: allgegenwärtig. Solch unmenschliche Zustände dürfe es nie wieder geben. „Wir dürfen diese Zeit nicht in Vergessenheit geraten lassen.” Auch heute noch, so spannten die Schüler den Bogen ins Hier und Jetzt, stünden jüdische Schulen und Einrichtungen unter besonderen Schutz, müssten von Polizei und Sicherheitspersonal bewacht werden. „Gerade in der Corona-Pandemie sind die Juden wieder in den Fokus rechtsgerichteter Verschwörungstheorien geraten“, erklärte Julia. „Wir müssen und vor Augen halten, dass Hass und Gewalt auch noch in der heutigen Gesellschaft vorhanden sind.” Da dürfte man nicht wegschauen, man müsse in den Dialog treten. „Wir müssen aus der Vergangenheit lernen!”

Dass Schüler an der Gestaltung der Gedenkfeier des Volksbunds Deutsche Kriegsgräber (VDK) mitwirken, hat sich bereits seit einiger Zeit eingespielt, der Brückenschlag in die nachfolgenden Generationen gehört zum Konzept. Dennoch dürfte Landrat und VDK-Kreisvorsitzender Andreas Müller am Sonntag diese Unterstützung dankbarer als sonst aufgenommen haben - immerhin hatte er vor einem Jahr aufgrund der damaligen Corona-Lage ganz ohne Publikum innegehalten und einen Kranz niedergelegt. Diesmal hatten sich wieder zahlreiche Gäste eingefunden.

Müller griff in seiner Ansprache die Schuldfrage auf. Können nur Hitler und ein kleiner Kreis für die Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich gemacht werden? Waren die übrigen 79 Millionen Einwohner des Deutschen Reiches unschuldig - selbst auch Opfer? „Ab wann hat man eigentlich persönliche Schuld auf sich geladen?“ Er selbst wolle nicht über Menschen urteilen, die damals gelebt haben, stellte Andras Müller klar. „Zum Glück muss auch von den allermeisten, die hier stehen, niemand die Frage tatsächlich beantworten: ‚Wie hätte ich damals gehandelt?’“

Was man selbst getan hätte, müsse niemand beweisen. „Deshalb geht es auch eigentlich um eine andere Frage, nämlich: Wie werden wir in Zukunft handeln?“ Jeder von uns, so betonte Müller, trage Verantwortung an der Stelle, an der er steht „Und wenn um uns herum ewig Gestrige oder Neofaschisten versuchen, ihre braune, giftige Suppe zu kochen, dann dürfen wir nicht tatenlos zusehen.” Die Kernbotschaft des Volkstrauertages laute: Nie wieder! „Lassen sie uns weiter gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit eintreten.“ Diplomatie müsse immer Vorrang vor Waffengewalt haben.

SIEGEN Schüler des Löhrtor-Gymnasiums haben sich mit dem ganz alltäglichen Rassismus beschäftigt

Die SZ überlässt den Schülerinnen in diesem Artikel das Wort

sz ◼ Man kennt das - nach einem entspannten Feiertag mit der ganzen Familie in abendlicher Festtagsstimmung das zweijährliche Beisam­mensein ausgiebig zelebrieren und gemeinsam den Tag ausklingen lassen. Bis zum Hauptgang läuft alles glatt - doch alles nimmt eine ungnädige Wendung, als Opa nach der Soße ungarischer Art fragt, allerdings nicht mit exakt diesen Worten, und sich damit einen unsanften Stoß seiner Enkelin in die Rippen einhandelt. Daraufhin entfacht sich eine hitzige Debatte über die korrekte Bezeichnung für besagte Soße. Wenn Oma zu allem Überfluss noch mit einigen Schaumküssen auf dem Präsentierteller das Esszimmer betritt, läuft das Fass vollkommen über. Wutentbrannt schlägt Opa seine Faust auf den Tisch und nicht viel später fällt der Satz: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“

Aber wo ist die Grenze tatsächlich? Wo fängt Rassismus an und was macht er mit den Betroffenen? Diese Fragen lassen sich am besten beantworten, wenn man sie einfach den Personen stellt, die diese Äußerungen auch betreffen.

Jasmin Mouissi ist Trainerin für Empowerment und Anti-Rassismus. Sie hat langjährige Erfahrung in der Konzeption und Durchführung von Empowerment-Workshops für Menschen mit Rassismuserfahrung und Eltern von Schwarzen Kindern (die Selbstbezeichnung von Schwarzen Menschen ist ‚Schwarz‘ mit großem Anfangsbuchstaben) sowie in der rassismus­kritischen Arbeit mit weißen Menschen.

„Das ist hier in Deutschland so ein Phänomen, dass alle direkt an krasse Gewalt denken, an Nazis, an Glatzen, an Leute, die einen Hitlergruß zeigen, Springerstiefel, Bomberjacken. Das ist so das Bild, wenn man an einen Rassisten denkt, aber was eben wichtig ist, ist zu sehen, dass Rassismus noch viel mehr ist als dieser Extremismus,“ erzählt sie uns im Interview. Dieser Rassismus sei jedoch viel schwieriger zu erkennen als ein Parolen brüllender Nazi.

Er verstecke sich in Blicken, Taten, vermeintlicher Neugierde und Komplimenten, was es auch so kompliziert mache, offen über diese subtile Form von Rassismus zu sprechen. Oftmals fühlten sich Menschen dadurch in eine Ecke gestellt, in der sie sich selbst nicht verorten würden. So wird ein ehrlicher und gut gemeinter Verbesserungs­vorschlag, wie in der zu Beginn beschriebenen Situation, schnell als eine persönliche Anfeindung aufgegriffen und vehement abgewehrt. Mouissi betont daher: „Rassismus sitzt einfach mitten in unserer Gesellschaft“. Er befindet sich nicht nur am Rand, sondern wird immer und immer wieder reproduziert und findet sich in allen gesell­schaftlichen Bereichen, auch in Institutionen wie Schulen und Behörden.

Von klein auf werden uns rassistische Ver­haltensweisen und Begrifflichkeiten, oft indi­rekt, beigebracht, weshalb dieses Verhalten ohne es zu hinterfragen übernommen wird. Deshalb ist es auch so essenziell, über subtilen Rassismus und generelle Diskriminierung im Sprachgebrauch zu sprechen. Und genau das wollen wir mit diesem Artikel.

„Rassismus kann Menschen wirklich körperlich und psychisch krank machen“, das können sich die meisten vorstellen. Aber wie allgegenwärtig Rassismus für Schwarze Menschen und PoC (=People of Colour, selbstgewählte Bezeichnung von Menschen, die nicht-weiß positioniert werden und dementsprechend Rassismuserfahrungen machen) ist und wie verletzend Worte sein können, ist vielen unklar.

So berichtet Frau Mouissi, dass Rassismus schon vor der Geburt beginnen könne, wenn über den vermeintlichen Teint der Haut debattiert wird. Weiter geht es dann im Kindergarten, wenn die Haut mit bestimmten Lebensmitteln verglichen wird. Nicht selten kommt es zu direkten rassistischen Anfeindungen. Fest steht: Schwarze Kinder werden häufig damit konfrontiert, als fremd, nicht-zugehörig und anders wahrge­nommen zu werden. Besonders für Jugend­liche in der Findungsphase ist dies eine zusätzliche Belastung, da sie häufig rassistische Fremdzu­schreibungen verinnerlicht haben, d.h. auch an diese Konstruktionen über sich glauben und sich wünschen, anders auszusehen.

Frau Mouissi erzählt von psychosomatischen Symptomen wie Bauch- und Kopfschmerzen, über die die Kinder klagen. Von Rassismus betroffene Personen müssen mit all diesen enormen Herausforderungen umgehen lernen, was einen großen Kraftaufwand bedeuten kann. Sie fühlen sich nicht gesehen und daher minderwertig, was auch zur sozialen Isolation führen kann. „Für Eltern von Schwarzen Kindern ist das eine ganz schmerzhafte Erkenntnis, dass sie ihre Kinder vor Rassismus ja gar nicht schützen können, weil er passieren wird,“ erzählt Mouissi.

In den Workshops erarbeitet sie mit Eltern, wie diese ihre Kinder aber für den Umgang mit Rassismus stärken können, ihnen Werkzeug an die Hand geben können. Dazu gehört zum Beispiel offen mit den Kindern über Rassismus zu sprechen, um der Verinnerlichung von rassis­tischer Diskriminierung gezielt entgegenzuwirken, und für Repräsentation zu sorgen, zum Beispiel durch das Umfeld, aber auch durch Serien, Filme oder Bücher mit Schwarzen Personen in individuellen und nicht stereotypi­sierten Rollen. Außerdem bietet sie Workshops an, in denen Schwarze Menschen sich austauschen, Wissen über die Mechanismen, welche hinter dem Rassismus stehen, mit dem sie konfrontiert werden, erlangen und gemeinsam Strategien im Umgang mit Rassismus entwerfen können.

Weiße Menschen unterstützt sie bei der Auseinandersetzung mit Privilegien, welche sie als weiße Person im Kontext von Rassismus haben. Dazu gehört auch das Privileg, sich nicht aktiv mit Rassismus auseinandersetzten zu müssen. Aber erst, wer sich aktiv mit Rassismus auseinandersetzt, wird ihn auch in seinem Sprachgebrauch identifizieren können. Dazu sagt Mouissi: „Das sehe ich auch in meiner Arbeit immer wieder, dass das für die Teilnehmenden ganz schön anstrengend ist, weil sie aus dieser Komfortzone raus müssen und sich an die eigene Nase fassen müssen. Das ist für sie oft ganz unangenehm, aber gleichzeitig lohnt sich diese Auseinan­dersetzung total, weil eben so die Welt rassismusärmer gestaltet werden kann.“

Diskriminierung durch Sprache betrifft aber nicht nur Schwarze Menschen und PoC, sondern auch Angehörige verschiedenster Religionen. Wir haben mit Herrn Sander gesprochen, einem Vorsitzenden der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammen­arbeit“. Er selbst ist Jude und schon oft mit Antisemitismus in Kontakt gekommen. Erstmalig als Kind, durch Angehörige, die den Holocaust noch miterlebt und überlebt haben, aber auch in der Arbeitswelt durch lustig gemeinte Sprüche von Kollegen und einem antisemitischen Chef.

Antisemitismus im Sprachgebrauch, so sagt er, habe oft mit Verallgemeinerungen zu tun, also mit Unterstellungen, die auf alle Angehörigen des Judentums übertragen werden. Das kann aus Unwissenheit passieren, allerdings auch absicht­lich boshaft, wenn eine Person auf Grund eines sogenannten „geschlossenen Weltbildes“ dem Judentum feindselig gegenübersteht. „Also wenn ich ein Kommunist und Antisemit bin, dann sind die Juden für mich kapitalistisch, und wenn ich Kapitalist und Antisemit bin, sind die Juden für mich kommunistisch,“ führt Sander dieses geschlossene Weltbild weiter aus.

Aber auch wer nicht offen antisemitisch eingestellt ist, kann sich dennoch unabsichtlich antisemitischer Begriffe bedienen. sz 2021 09 08 foto5Als Beispiele gibt er Worte jiddischen Ursprungs an, die im Deutschen allerdings ausschließlich negativ konnotiert verwendet werden, so zum Beispiel „Maloche“ (=Arbeit) oder „Mischpoche“ (=Familie). Viele Menschen verwenden den Begriff Jude selbst noch als Schimpfwort, weshalb wiederum häufig von „Menschen jüdischen Glaubens“ die Rede ist. Allerdings ist Jude weder ein Schimpfwort noch eine Fremdbezeichnung, wie es zum Beispiel beim Z- oder N-Wort der Fall ist. Juden bezeichnen sich selbst auch als Juden.

„Die Juden wissen, dass sie immer aufmerksam sein müssen und müssen feststellen, wann Antisemitismus gefährlich wird und wann aus Worten auch Taten werden,“ meint Sander. Das ist leider oft auch der Knackpunkt. Man kann nicht wissen, wer es ernst meint mit seinen Drohungen und wer nicht, man kann nicht wissen, ob eine Person, die antisemitische Sprache verwendet, dies aus Unwissenheit tut oder weil sie wirklich antisemitisch eingestellt ist. Daher müssen Juden immer aufmerksam sein, was natürlich bei nicht-jüdischen Menschen in der Regel nicht der Fall ist. „Aber wer sich die Frage stellt “Was darf ich sagen, was darf ich nicht sagen”, hat schon eigentlich den entscheidenden Schritt gemacht. Eine Person, die sich informieren will, die nicht antisemitisch sein will, bei einer solchen Person mache ich mir keine Gedanken. Diejenigen, die sich die Gedanken nicht machen, die sich nicht die Frage stellen, da besteht die Gefahr,“ meint Sander.

Denjenigen, die Antisemitismus aktiv in ihrem Sprachgebrauch vermeiden wollen, rät er, sich über bestimmte Worte und ihre Herkunft zu informieren und sich an die Stelle eines Betroffenen zu stellen, um dann zu überlegen, welche Begriffe einen selbst persönlich verletzen würden. Abschließend betont er aber erneut: „Deshalb helfen meine Tipps auch nicht, denn wer die Tipps hören möchte, der hat schon den entscheidenden Schritt gemacht.“

Wer sz 2021 09 08 foto2Herrn Sanders Worte beachtet und sich wirklich Gedanken macht, gerät deutlich weniger oft in die Bredouille. Zur Not hilft Nachfragen immer, Kontakt und Kommunikation bringen mehr Licht und Durchblick in dieses dunkle Thema. Dis­kriminierung äußert sich in vielen verschie­denen Formen und Ausprägungen, bei dem Großteil der Menschen glücklicherweise unabsicht­lich. Trotz­dem haben Worte die Fähigkeit, Betroffene zu verletzen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, nicht Teil der Gesellschaft zu sein. Sprache und Rassismus hängen sehr eng zusammen. Des­wegen ist es so wichtig, auch über die Frage nach den richtigen Worten zu reden und das am besten nicht an Stelle von Betroffenen, sondern mit ihnen gemeinsam.

Rassismus und rassistische Vorurteile abzubauen ist ein langer Weg, wenn aber jeder bei sich selbst anfängt und sich ernsthaft fragt, welche Worte lieber aus dem Wortschatz gestrichen werden sollten, und das nicht nur aus Empörung über die Maßregelung der Enkelin am Esstisch, dann wird der Weg um einiges kürzer.

SIEGEN SZ nahm an einer Schulstunde unter Corona-Bedingungen teil

Schulleiter Dr. Reiner Berg sieht den Präsenz­unterricht für die Schüler und Schülerinnen als besonders wichtig an.

kalle ◼ Sie gehört mittlerweile zum festen Bestandteil des täglichen Lebens: die Anti-Corona-Maske. Längst hat sie sich zu einem modischen Accessoire entwickelt. Zum Teil sind kleine Werbebotschaften aufgenäht. Farbenfroh dürfen sie allemal sein.

Die Mund-Nasen-Maske ist eines der wichtigsten Hilfsmittel, so sagen es die Fachleute, um dem Coronavirus die Luft zum Atmen zu nehmen. Der Umgang mit dem Stück Stoff ist aber beileibe nicht ohne. Manch einer bekommt Panik mit dem Teil vor Mund und Nase. Manchmal könnte man dieses kleine Stück Stoff im Gesicht verfluchen, vor allem, wenn man es mehrere Stunden am Tag tragen muss. Davon sind vor allem die Schüler und Schülerinnen sowie das Lehrpersonal betroffen, die sich in den Schulstunden trotz der Maske auch noch richtig konzentrieren müssen. Nach allen bisher vorliegenden Erkenntnissen stellt das Tragen von Masken aber keine gesundheitliche Gefahr dar.

„Die chirurgischen oder auch die so genannten Alltagsmasken mögen ein wenig unbequem sein für Kinder, sie schränken aber das Ein- und Ausatmen nicht ein, führen weder zu einer Einschränkung der Sauerstoffversorgung noch zu einer gefährlichen Anreicherung von Kohlendioxid“, schreibt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

Die Siegener Zeitung besuchte am Dienstag das Löhrtor-Gymnasium in Siegen und nahm an einer Schulstunde unter Corona-Bedingungen teil.

Bevor ich mich auf den Weg in die Klasse machte, nahm ich am Schuleingang noch ein paar kräftige Atemzüge in der milden Novemberluft – Luft bis hinunter in die kleinsten Lungenverästelungen. Danach war Schluss mit lustig. Maske auf und hinein ins Schulgebäude. Schulleiter Dr. Reiner Berg nahm mich dann quasi an die Hand. Das war gut so, denn längst waren die 7,5 Dioptrien starken Gläser meiner Brille so beschlagen, dass ich ohne Hilfe sicher gegen die nächste Glastüre gerannt wäre.

720 Schüler und Schülerinnen werden in der 1536 gegründeten Lehranstalt unterrichtet. Dr. Berg: Engagierte Lehrerin am Löhrtor-Gymnasium: Tabea Goerke.„Die Schüler und Schülerinnen sind auch in den schwierigen Corona-Zeiten sehr diszipliniert. Optimaler Unterricht ist zwar anders, doch wir haben festgestellt, dass der Präsenzunterricht für die Kinder nicht durch Unterricht zu Hause am Computer zu ersetzen ist. Das Lernen in der Klasse ist auch für das soziale Miteinander extrem wichtig. Der Unterricht ist nachhaltiger.“

Raum 105 ist offen. Die Englischstunde beginnt. Lehrerin Tabea Goerke wirft mit dem Besen den Beamer unter der Raumdecke an. Die Luft ist frisch. Das kennt man von Klassenräumen so nicht. Die Formalien, wie die Einteilung des Schulhofdienstes, sind schnell erledigt. Jetzt geht es zur Sache. Die 28 Jungen und Mädchen der Klasse 5 sind voll konzentriert. Emilia hat ihre dicke Jacke angelassen. Alle haben den Mundschutz auf. „Wir haben einen verrückten Pinguin“, steht auf dem Lehrplan. Ladies and Gentlemen, jetzt geht es los. Tabea Goerke ist eine Lehrerin, wie sie im Buche steht. Die Kinder, das spürt man, mögen die junge Frau.

Nach 25 Minuten wird eine Pause eingelegt. Die Schüler öffnen alle Fenster, die Klassentür steht sperrangelweit auf. Jetzt gibt es frische Luft für alle. Damit man gar nicht erst anfängt zu frieren, hat die Klasse sich mit 15 zu 13 Stimmen für den Monkey-Dance entschieden. Die Musik läuft, die Maske bleibt auf, doch es wird getanzt, als gäbe es kein Morgen mehr. Was für ein Spektakel!

Tabea Goerke hebt den Finger, Start frei für den zweiten Teil der Schulstunde. Der Englischunterricht nimmt Fahrt auf. Charlotta hebt den Finger. Das Mädchen hat ihren pinken Mundschutz passend zum T-Shirt ausgesucht – modebewusst auch in Pandemie-Zeiten. Die Stunde vergeht wie im Fluge.

Mein Fazit: Man kann den Unterricht offenbar so gestalten, dass die Kinder den Mundschutz nicht mehr wahrnehmen. Das nennt man Perfektion.