Fünft- und Sechstklässler schreiben am Siegener Gymnasium am Löhrtor mit Füller und auf Papier. Schulleiter Dr. Berg hält den unreflektierten Umgang mit Handys und sozialen Netzwerken für „brandgefährlich”. Mit Schülern und Eltern werden Mediennutzungsverträge geschlossen - auch für zu Hause.
Von Björn Hadem
SIEGEN. Das Gymnasium Am Löhrtor steht nach eigenen Angaben für Augenmaß im Umgang mit der Digitalität im Lernalltag seiner Schülerinnen und Schüler. Dass die Omnipräsenz des Handys im Alltag der Schüler womöglich mehr sei als ein schlichter Störfaktor in der Aufmerksamkeit beim Lernen und Interagieren, weiß Schulleiter Dr. Reiner Berg aus eigener Erfahrung im Unterricht, aber auch aus wissenschaftlichen Studien.
Für „brandgefährlich“ hält er den „unreflektierten Umgang mit den Handys und den sozialen Netzwerken“. Dr. Reiner Berg führt dazu weiter aus: „Lernpsychologisch gibt es wichtige Erkenntnisse: Die permanente Ablenkbarkeit durch Handys ist nicht gut fürs Lernen wie für die Entwicklung der Strukturen im Gehirn.“ Daraus könne eine Sucht erwachsen, verbunden
mit „Unkonzentriertheit und einer permanenten Bereitschaft, an sein Handy gehen zu wollen“.
Vor diesem Hintergrund schließt das Gymnasium Am Löhrtor mit jedem Schüler und dessen Eltern einen Mediennutzungsvertrag ab - eine Art Erziehungshilfe für eine eingeschränkte Nutzung auch in den eigenen vier Wänden daheim.
Die Oberstudienrätin Maren Weber, am „GAL“ Lehrerin für Sport und Deutsch, erläutert: „Der Vertrag definiert zum Beispiel klar, wann die Kinder abends ihr Handy beiseitelegen müssen und dass das Handy nachts nicht im Schlafzimmer zu liegen hat.“ Dem Schulleiter ist bewusst, dass das Gymnasium damit durchaus in die Erziehung eingreife: „Der Hintergrund dafür ist aber unsere Feststellung, dass Cybermobbing zunimmt. Natürlich können wir niemanden zwingen, diesen Vertrag zu unterschreiben, klar ist aber: Diese Maßnahme sensibilisiert alle in hohem Maße.“
Während andere Schulen iPad-Klassen installieren und schon in der Unterstufe ein Lernen und Arbeiten jenseits von Heften und analogen Schreibgeräten kultivieren, ist der Füller bei den Fünft- und Sechstklässlern des Gymnasiums Am Löhrtor ein tägliches Arbeitsgerät. Das iPad indes kommt als Lernmedium nur gezielt und dosiert zum Einsatz.
Schulleiter Berg: „Bekanntermaßen rudern die skandinavischen Länder komplett zurück, was die Digitalisierung im Schulunterricht angeht, weil sie festgestellt haben, dass damit der Lernerfolg nicht garantiert ist.“
Intensiv fördern wollen die Lehrkräfte am GAL derweil die „exekutiven Funktionen“ bei Schülerinnen und Schülern - „die Grundlage dafür, dass Menschen sich selbst regulieren können“, so Maren Weber. Dabei gehe es darum, Impulse zu kontrollieren, außerdem um ein funktionierendes Arbeitsgedächtnis zum Abspeichern von Gelerntem und schließlich die kognitive Flexibilität, sich auf neue Situationen einzustellen. Dies geschieht im Unterricht durch eine Kombination von Bewegung, Spiel und Sport mit Lerninhalten und ist in allen Fächern anwendbar. Maren Weber weiß, warum dieser Ansatz so wesentlich ist: „In dem Moment, in dem die Selbstregulation bei Schülern gut funktioniert, sind sie auch in der Lage, sich in und außerhalb der Schule besser zurechtzufinden. Sie verfügen damit über ein Instrumentarium, dem Stress zu begegnen, der auch durch Handykonsum auf sie einprasselt.“

