Elisabeth Dangendorf ergriff schon im Vorjahr das Wort bei der Gedenkfeier in Gosenbach. Ihr zur Seite stand Elsa Graumann.

Krieg in der Ukraine, vor unserer Haustür, Debatten über die Wiedereinführung der Wehrpflicht: Zwei Löhrtor-Gymnasiastinnen bringen sich am Sonntag bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag ein. Spielt dieser Tag noch eine Rolle in ihrer Generation?

Von Anja Bieler-Barth

SIEGEN/GOSENBACH. Volkstrauertag: Das Wort wiegt schwer. Es ist ein Tag, der nach Stille klingt, nach Gedenken, Verlust und Trauer, nach Vergangenheit. Es ist ein Wort, das in Schulbüchern steht, aber selten im Alltag fällt. Und doch: In einer Zeit, in der wieder Krieg selbst in Europa herrscht und die Nachrichten voller Bilder von Leid und Flucht sind, bekommt dieser Tag eine neue Dringlichkeit.

Das sehen auch Elsa Graumann und Elisabeth Dangendorf, beide 17 Jahre jung, so. Sie besuchen die Q1 (Jahrgangsstufe 12) des Siegener Gymnasiums Am Löhrtor. Sie gestalten am Sonntag, 16. November, 11.15 Uhr, die Gedenkfeier des Kreises Siegen-Wittgenstein, genauer gesagt des Kreisverbands Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, mit.

Im Gespräch mit der Siegener Zeitung erzählen sie sehr reflektiert, welche Bedeutung der Volkstrauertag für sie hat. Was bewegt sie dazu, auf der Kreisehrengedenkstätte im Siegener Ortsteil Gosenbach am Sonntag ans Mikrofon zu treten? Finden Sie diese Art des Gedenkens in Anwesenheit auch von Soldaten zeitgemäß?

Die beiden Schülerinnen haben eine ganz klare Meinung: „Ich finde den Rahmen der Feierstunde in Gosenbach absolut angemessen“, sagt Elisabeth Dangendorf, die schon im vergangenen Jahr die Möglichkeit nutzte, dort das Wort zu ergreifen.

„Wir werden seit etwa zehn Jahren von Landrat Andreas Müller gefragt, ob sich Mitglieder unserer Schülervertretung einbringen wollen“, erklärt Schulleiter Reiner Berg, der es ganz wunderbar findet, dass bei aller Notwendigkeit des Erinnerns und Gedenkens auch Gegenwart und Zukunft nicht aus dem Blick geraten, junge Stimmen Gehör finden.

„Das Leid, das Kriege in aller Welt über so viele Menschen gebracht haben und auch heute bringen, ist unermesslich: Einem so großen Thema kann man ja eigentlich gar nicht gerecht werden“, zeigt sich Elisabeth Dangendorf nachdenklich. Und doch sei es immens wichtig, es zu versuchen. Wie am kommenden Sonntag in vielen Orten kreisweit.

Nein, räumen die beiden Gymnasiastinnen ein: Der Volkstrauertag habe bis zum Vorjahr in ihrem Leben keine Rolle gespielt. „Unsere Generation und auch die unserer Eltern haben ja das große Glück, in Friedenszeiten leben zu dürfen. Und es ist nun einmal so: Je länger schlimme Ereignisse wie z.B. die beiden Weltkriege zurückliegen, desto weniger sind sie in der alltäglichen Gegenwart präsent“, sagt Elisabeth Dangendorf.

Hat der Kriegsausbruch in der Ukraine „den Krieg“ in den (Schul-)Alltag getragen? „Klar: Dieser Krieg findet vor unserer Haustür statt. Das wurde z.B. im Politikunterricht behandelt. Ich finde es aber auch erschreckend, wie schnell man sich viel zu sehr daran gewöhnt hat“, sagt die Anzhausenerin, die sodann betont: „Auch deshalb sind Gedenkfeiern wie am Volkstrauertag so wichtig!” Den Volkstrauertag gibt es seit 1922. Seit 1952 wird er immer zwei Sonntage vor dem ersten Advent begangen. Gedacht wird mittlerweile der Toten beider Weltkriege, der Opfer von Gewalt und Terror weltweit.

Für Löhrtor-Schülersprecherin Elsa Graumann ist der Volkstrauertag weit mehr als ein Pflichttermin. „Ich finde, es ist eine wundervolle Veranstaltung, so wie ich sie in Gosenbach erlebt habe“, sagt sie. „Aber ich habe das Gefühl, dass viel zu wenige davon mitbekommen.“

Elsa Graumann (l.) und Elisabeth Dangendorf, Schülerinnen des Siegener Gymnasiums am Löhrtor, sind der Meinung: Der Volkstrauertag gehört in die Mitte der Gesellschaft. Noch feilen beide an ihrer Rede am Volkstrauertag.	Foto: Anja Bieler-BarthHat die aktuelle Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht das Thema „Krieg“ in das Schulleben getragen? Wird darüber auf dem Pausenhof gesprochen? „Ich habe den Eindruck, viele verdrängen dieses Thema in der Schule, weil es sehr belastend ist“, sagt Elsa Graumann. „Auch ich kann mich nicht davon freisprechen. Wenn man aktuelle Themen wie die nächste wichtige Klausur hat, beschäftigt man sich eher mit der Frage, wann ich dafür lerne als mit dem Gedanken: ,Oh nein! Krieg!’“

Das sei aber auch eine Art Selbstschutz: Sonst könne man sich kaum unbeschwert mit der eigenen Zukunft beschäftigen. Denn natürlich gehe die weltpolitische Lage nicht an ihrer Generation vorbei: „Klar, da ist diese Angst: ob wir z.B. später noch so leben können wie unsere Eltern. Es kann ja gut sein, dass es Krieg gibt. Das ist schon eine präsente Angst in meinem Leben.“

Umso wichtiger finden es die beiden 17-Jährigen, dass der Volkstrauertag nicht nur erinnert, sondern auch wachrüttelt: „Er arbeitet gegen das Vergessen auf mehreren Ebenen. Gegen das Vergessen vergangener Kriege und des Leids gebrochener Generationen, aber auch gegen das Verdrängen.“ Der Volkstrauertag erfülle ganz zentral die Rolle, vor Augen zu führen: „Wir als Gesellschaft haben die Verantwortung, uns dessen bewusst zu werden und dagegenzuhalten.“