Der Volkstrauertag mahnt zur Verantwortung, während Putins Krieg in der Ukraine den Frieden in Deutschland bedroht.
Schülerinnen und Redner fordern mehr gesellschaftliches Engagement. Warum ist der Zusammenhalt heute wichtiger denn je?
Von Anja Bieler-Barth
GOSENBACH. Es ist einer jener Novembertage, an denen das Licht, wenn überhaupt, nur zögerlich durch die Wolkendecke dringt. Auf der Gosenbacher Ehrengedenkstätte des Kreises Siegen-Wittgenstein sammelt sich eine überschaubare Menschenmenge. Wie immer am Volkstrauertag. Hier, wo 167 Kriegstote ihre letzte Ruhe fanden, darunter 24 unbekannte deutsche Soldaten und ein unbekannter Ostarbeiter.
Ein Hochkreuz und 81 Grabkreuze erinnern an sie. Und sind Mahnung zugleich. Das gilt auch für das Kriegerehrenmal mit den Namen von 52 Gefallenen des 1. Weltkriegs sowie jenen Sarkophag mit den Namen von 78 gefallenen Gosenbachern aus dem 2. Weltkrieg.
Es wird still, bis der Bläserkreis Niederschelden die zentrale Feierstunde angemessen-getragen eröffnet. Im Zentrum des Gedenkens hier wie in vielen Orten bundesweit: die zig Millionen Opfer beider Weltkriege sowie von Gewalt und Terror. 80 Jahre dürfen wir in Deutschland nun schon in Frieden leben: Das ist eine lange Zeit. Und doch alles andere als selbstverständlich.
„Krieg, das war etwas, das in den Geschichtsbüchern stand, aber nicht mehr im realen Leben vorkam“, blickt Andreas Müller, Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein und Kreisvorsitzender des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge, an diesem Morgen in Gosenbach zurück.
Nun sei er mit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine sehr nahegekommen. „Wieder fliehen Menschen vor Bomben, sterben Kinder, brennen Städte.“ Wieder wollten mehrere Staaten Atomwaffen testen: „Das sind Nachrichten, die viele von uns noch vor wenigen Jahren für undenkbar gehalten hätten.“ Der Volkstrauertag erinnere „an das Leid der Vergangenheit. Aber ermahnt uns auch für die Zukunft: Erinnern heißt nicht nur zurückblicken. Erinnern heißt: Verantwortung übernehmen“, mahnt Müller, sich für Freiheit, Demokratie und das Miteinander in Europa einzusetzen. Im Großen wie im Kleinen. Tag für Tag.
Auf den Trümmern des 2. Weltkriegs sei etwas Neues, bis dahin Undenkbares entstanden: die Idee eines Europa. „Die EU ist eines der erfolgreichsten Friedensprojekte der Menschheitsgeschichte. Ihr Versprechen: Nie wieder Krieg auf dem Kontinent. Das wird heute wieder auf die Probe gestellt.“
Ein trauriges Fazit laute: „Wir leben in einer Welt, in der alte Gewissheiten bröckeln und neue Unsicherheiten wachsen.“ Zusammenhalt sei unabdingbar. Schülerinnen des Siegener Gymnasiums Am Löhrtor riefen zu mehr gesellschaftlicher Verantwortung auf: „Viel zu leicht ziehen wir Menschen uns aus der Verantwortung und schieben Versäumnisse und Fehlentscheidungen diktatorischer Regimes und ultranationalistischer Machthaber auf lückenhafte Systeme“, betonte Elsa Graumann.
„Wir vergessen, dass der Ursprung nie ein Schlupfloch im Gesetz war, das zu einem Überlegenheitsgefühl eingeladen hat. Der Ursprung war immer Hass. Hass auf Menschen, Religion, Hautfarbe und/oder Geschlecht. Die Menschen, derer wir heute gedenken, haben diesen Hass mit ihrem Leben bezahlt.“ Elisabeth Dangendorf erzählte, wie schwierig es für sie als junge Frau sei, das Ausmaß von Tod und Verderben allein der beiden Weltkriege überhaupt zu begreifen. „Die Opfer bleiben daher schon fast fiktive Relikte aus einer scheinbar weit zurückliegenden Zeit. Ihr Leid ist für uns, die wir nie Krieg erlebt haben, so absurd grausam, dass der Verstand aufgibt bei dem Versuch, es als reales Geschehnis einzuordnen.“
Die Schülerschaft des Gymnasiums Am Löhrtor habe Wünsche: „Dass alle, die hier stehen, heute merken, wie das Versagen in Sachen Frieden der letzten Jahrtausende zu einer Opferzahl geführt hat - so hoch, dass jeder Gedenkversuch scheitern wird.“
Dies müsse Anlass sein, sich ehrlich vor Augen zu führen: „Die Vergangenheit ist nicht unsere Schuld, aber die Zukunft unsere Verantwortung! Scheitert hier heute gemeinsam daran, den Opfern gerecht zu werden. Aber werdet dafür dem Anspruch und der Moral unserer Zukunft gerecht“, so Dangendorf.
Karsten Schreiber, Gemeindereferent der ev.-ref. Emmaus-Kirchengemeinde Siegen, erzählte auf sehr persönliche und berührende Weise, wie er als Vater mit seinen beiden Teenager-Söhnen einen Soldatenfriedhof in der Normandie besuchte.
„Dortliegen auch Gefallene, die nicht älter als 15, 16 oder 17 wurden. Das hätten meine Söhne sein können. Jugendliche, die verpflichtet wurden, zu kämpfen und ihr junges Leben unter unglaublichen Umständen verloren hatten. Verblendet von einer Ideologie.“ Deshalb sei der Volkstrauertag so wichtig: „Wir müssen es zulassen, dass diese Kreuze Gesichter werden. Uns ganz nahe kommen.“

